„Noch sechs Monate.“ Vom Kampf vietnamesischer Berliner:innen gegen bürokratische Windmühlen

Im Dezember 2019 kam ich während eines Themenabends zur vietnamesisch-deutschen Geschichte erstmalig mit meinem heutigen Forschungsfeld in Kontakt. An dem Abend sollte unter anderem der Film „Bruderland ist abgebrannt“ von Angelika Nguyen gezeigt und besprochen werden. Im Lichte der Feierlichkeiten zum 30-jährigen Jubiläum der Friedlichen Revolution stellt dieser Dokumentarfilm ein wichtiges Zeitzeugnis des rassistischen Alltags vietnamesischer Vertragsarbeitender während der Zeit der Vereinigung dar. Damals saß eine Frau vor mir, die vor Veranstaltungsbeginn noch schnell einige Sätze in ihren Laptop tippte. Etwas unhöflich stierte ich auf ihren Bildschirm und las dort: „Auf Buddha gebaut. Seit 2006 existiert eine buddhistische Pagode auf dem Gelände eines Asiamarkts. Für VietnamesInnen ist sie heilig, für den Bezirk Zweckentfremdung“. Einige Wochen darauf begegnete ich diesen Worten wieder – dieses Mal abgedruckt in der taz. Neugierig las ich mehr über die Phổ Đà Pagode in Berlin-Marzahn. Der Dreh- und Angelpunkt des Problems schien wohl die Lage inmitten eines Gewerbegebiets zu sein. So wurde in dem Artikel von der angedrohten Standortschließung berichtet und davon, wie sich die Gemeindemitglieder mit dem Hinweis auf das dortige Totengedenken gegenüber der Verwaltung rechtfertigen wollen. Mein ethnografisches Bauchgefühl war geweckt und so wollte ich mich der Gemeinde forschend nähern.

Im Frühjahr 2020 machte mir die Corona-Pandemie dann allerdings abrupt einen Strich durch meine Forschungs-Rechnung; einen Zugang zur Gemeinde herzustellen, wurde unmöglich. Abermals durch einen taz-Artikel inspiriert, ging ich stattdessen erst einmal einem anderen Phänomen nach: der Beobachtung, dass vietnamesische Mitbürger:innen während des Lockdowns anfingen, selbstgenähte Stoffmasken zu spenden – ein soziales Ereignis, dem auch der Viet-Deutsche Podcast „Rice and Shine“ eine eigene Folge widmete. Hygieneregeln einhaltend, begab ich mich ins Feld, um nach einigen Gesprächen schlussendlich in eine Änderungsschneiderei in meiner direkten Nachbarschaft geschickt zu werden. Im Austausch mit der dortigen Gruppe vietnamesischer Senior:innen stellte ich überraschend fest, dass es sich um Mitglieder eben jener buddhistischen Gemeinde aus Marzahn handelte, zu der ich vergeblich versucht hatte, Kontakt herzustellen. Sie erzählten mir von ihrer Arbeit der letzten Wochen, wie sie mehrere Tausend Masken genäht hatten, um diese an schlecht ausgestattete Ersthelfer:innen zu spenden. Sie berichteten mir, wie sie von ihrem buddhistischen Glauben inspiriert etwas „von Herzen an ihre zweite Heimat zurückgeben“ wollten. „Deutschland hat uns und unseren Kindern ein gutes Leben ermöglicht, daher möchten wir jetzt etwas für Deutschland tun“, fasste es ein Gesprächspartner zusammen.

Nach diesem ersten Kennenlernen wurde ich in die Pagode eingeladen, um dort fortan am Gemeindeleben teilzunehmen. Schnell wurde ich von Seiten der Forschungsteilnehmenden gefragt, ob ich ihnen bei ihren Bemühungen, die Pagode zu erhalten, helfen könne. Sie berichteten mir von ihrer engen Bindung an die Gegend rund um die Pagode, die für viele ehemalige vietnamesische Vertragsarbeitende – und auch neue Migrierte aus Vietnam – zur zweiten Heimat geworden ist. So ist etwa in Sichtweite der Pagode die Gebäuderuine der Gehrenseestrasse 1 zu finden, ein ehemaliges Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeitende. Unweit davon verläuft der Weißenseer Weg, der bis 1992 Ho-Chi-Minh-Straße hieß. Die zweitälteste vietnamesische Pagode in Berlin steht somit an einem geschichtsträchtigen Ort der Deutsch-Vietnamesischen Migrationsgeschichte – historische Zusammenhänge, die für die Lichtenberger Behörden jedoch keine Rolle zu spielen scheinen: „In der Sache sind wir ja ganz bei ihnen, nur leider sind deutsche Gesetze taub gegenüber solchen Argumenten“, hieß es während einer Anhörung im Juni 2020. Nachdem wir daraufhin Kontakt zum Büro des Kultursenators Klaus Lederer aufgenommen hatten, konnten wir erreichen, dass sich die dortigen Mitarbeitenden mit einem eindeutigen Empfehlungsschreiben für den Erhalt der Pagode am alten Standort einsetzten. Bei einer erneuten Anhörung im Frühjahr 2021 wurde trotzdem die endgültige Absage an die Pagoden-Gemeinschaft ausgesprochen. In der Begründung hieß es, dass es im Gewerbegebiet dem besonderen Schutz der Wirtschaft bedürfe. Darüber hinaus sei der Buddhismus in Deutschland keine gesetzlich anerkannte Religion – das im Grundgesetz verankerte Recht des Totengedenkens stößt damit auf taube Ohren und Gesetze.

Zurzeit hat die Gemeinde eine letzte Galgenfrist bis Ende des Jahres 2021 ausgesprochen bekommen – die x-te sechsmonatige Duldung innerhalb der letzten Jahre. Dieser behördliche Umgang spiegelt zugleich auch eine Facette der Geschichte der ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitenden wider: In den 1980er Jahren nach Deutschland migriert, wurden den meisten von ihnen nach der Einigung ihre Arbeitsverträge frühzeitig gekündigt. Auf sich allein gestellt, waren sie dann während der sogenannten Baseballschlägerjahre ohne polizeilichen Schutz täglich rassistischen Angriffen ausgesetzt. Als am Anfang der Pandemie Berliner Einrichtungen ohne Schutzausrüstung dastanden, haben vietnamesische Berliner:innen dennoch tausende Masken gespendet, um ihre „zweite Heimat“ zu unterstützen. Jetzt, da eine dieser engagierten Gruppen Hilfe von ihrer Wahlheimat braucht, werden sie wieder im Stich gelassen. Als ich diesen Umstand mit der Gemeindevorsteherin Frau Ngọc letztes Jahr besprochen habe, antworte sie kurzum trocken: „Weißt du, Max, seit dreißig Jahren sind wir schon in diesem Land und der Satz, den wir dabei am meisten gehört haben, war: ‚Noch sechs Monate‘. Noch sechs Monate befristeter Aufenthalt, noch sechs Monate Arbeitserlaubnis, noch sechs Monate, bis wir unsere Familien nachholen dürfen. Es war zwar immer ein harter Kampf, aber auch dieses Mal wird das für uns sicherlich gut ausgehen.“