Injuring the brick wall – Freundliche Auseinandersetzungen an den Münchner Kammerspielen

I’ve done something new for this fight. I’ve wrestled with an alligator, I’ve tussled with a whale, I did handcuff lightning, and threw thunder in jail. I’m bad. Last week I’ve murdered a rock, injured a stone and hospitalized a brick.

– Muhammad Ali, 1974

Der Kampfring wurde beim Festival FRIENDLY CONFRONTATIONS – Globale Kunst und Institutionskritik an den Münchner Kammerspielen (16.-19.1.2020) nicht nur metaphorisch immer wieder ins Spiel gebracht: Am Freitagabend sitzen die Kurator*innen Julia Grosse und Julian Warner in einem tatsächlichen Boxkampfring in der Kammer 2, der hier bereits für einen Boxkampf am darauffolgenden Samstag aufgebaut ist. Die Seile, die das Podium begrenzen, sind noch herabgelassen und die Eckpfosten ohne Polsterungen zu sehen – dennoch erzählen die bunten hohen Sportmatten in Anbetracht der Gespräche, die hier stattfinden, bereits vom Kämpfen, vom Gewinnen und Verlieren. Das ist ein etwas „hysterisches Setting für eine Podiumsdiskussion“, wie Julia Grosse bemerkt, aber: eine gar nicht so ungewöhnliche Allianz von Boxen und Theater, die hier aufgebaut ist, denn das Programmheft des Festivals zeigt, dass diese Verbindung durchaus eine Tradition hat. Die Theatralität des Boxens war im Londoner King’s Theatre bereits seit dem 17. Jahrhundert bekannt, so dass dort regelmäßig Boxveranstaltungen stattfanden. Und Bertolt Brecht war so fasziniert von der symbolischen Idee des Kampfes, dass er Ringkämpfe nicht nur inhaltlich verarbeitete, sondern für die Uraufführung des Lehrstücks „Die Maßnahme“ auch einen Boxring als Bühnenbild bauen ließ (Berlin 1930).[1]

Auf der Website eines Sportartikel-Herstellers lässt sich über die dort angebotenen Kampfring-Anlagen lesen, sie seien „besonders stabil – keine Verankerung notwendig“, und die gepolsterten Ecken „minimieren Verletzungsgefahr“. Diese Beschreibungen lassen sich auch auf die institutionelle deutsche Theaterlandschaft und ihre Bemühungen um Diversität übertragen. Wo schwarze Schauspielerinnen rassistisch und sexistisch beleidigt werden und wo Menschen die Diversitätsarbeit leisten, immer noch um persönliche Anerkennung und Respekt kämpfen müssen (Theater an der Parkaue, Berlin 2018-2019)[2], wo ein freies Theaterkollektiv mit Unterstützung von Intendanz und Dramaturgie versucht, eine Anti-Rassismus-Klausel in ihre Arbeitsverträge zu integrieren und an der Theaterverwaltung scheitert (Kollektiv Technocandy, Theater Oberhausen 2019), da zeigen sich die „besondere Stabilität“ der deutschen Theaterlandschaft und die „gepolsterten Ecken für minimierte Verletzungsgefahr“, die aber bisher nur weiße Akteure auffangen. Wenn der konfrontative Boxring hier als Ort der Solidarität und des gegenseitigen Verständnisses in den Vordergrund rückt, soll damit nicht primär eine neue Perspektive auf den Kampfsport eröffnet werden. Stattdessen geht es dem Festival um die wichtige Arbeit an Diversität und Gleichberechtigung an Institutionen des deutschen Kulturbetriebs.[3]

Boxkampf zwischen dem TSV 1860 München, dem Attoh Quashi Boxing Gym und der Charles Quartey Boxing Foundation aus Accra (Ghana) an den Münchner Kammerspielen Foto: Julian Baumann

Welches Erbe der Kurator Okwui Enwezor hinterlassen habe, diskutieren die beiden Festivalleiter*innen am Abend des 17.1. mit Markus Müller, einem engen Berater Enwezors, der u.a. die Documenta 11 (2002), das Münchner Haus der Kunst (2011-2018) und die Biennale in Venedig (2015) leitete. Die Erinnerung an die kuratorische Arbeit Enwezors, der Versuch, eine globale Kunst zu denken, Kanonisierungsprozesse zu entgrenzen und Zugänge zu schaffen, ist ein zentrales Thema des Festivals und Ausgangspunkt für ein gemeinsames Nachdenken über institutionellen Wandel. Obwohl an diesem Abend mehr über das ideelle und materielle Vermächtnis des Kurators gesprochen wird, scheinen Enwezors Kämpfe – gegen einen etablierten weißen und westlichen Kanon in der bildenden Kunst, gegen berufliche und private rassistische Anfeindungen – immer wieder in der Diskussion auf.

Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche zitiert in einem Vortrag über heutige Herausforderungen für Kulturinstitutionen die obigen Worte des Boxers Muhammad Ali. Aus Alis Aussage spräche keine scheinbar überbordende männliche* Gewaltbereitschaft, so Piesche. Seine Worte vor dem berühmten „Rumble in the Jungle“ von 1974 seien viel mehr als Versuch einer performativen Überhöhung der eigenen Fähigkeiten als ermächtigende Strategie zu verstehen. Alis politische Position als Unterstützer des US-amerikanischen Civil Rights Movements der 1960er Jahre und sein intensiver Kontakt zur lokalen Bevölkerung Kinshasas machten den Kampf Alis 1974 zu einem Kampf des antikolonialen Widerstands und grenzten ihn deutlich vom Habitus seines Gegners George Foreman ab, der mit einem deutschen Schäferhund auftrat und koloniale Bilder der Macht reproduzierte. Das Sprechen über Boxkämpfe – insbesondere über den „Rumble in the jungle“ – ist also auch ein Bericht von kollektiven Solidaritäten und Empathien, die entlang solcher Konfrontationen entstehen können.

Mit dem Hinweis auf Muhammad Ali verweist Peggy Piesche aber nicht nur auf die Geschichte schwarzer Widerstandsbewegungen, sondern zeigt, dass sich mit Bildern wie „murdering a rock“ oder „injuring a stone“ auch über die mitunter kräftezehrenden Bemühungen reden lässt, welche die Arbeit an zu stabilen Verhältnissen in deutschen Kulturinstitutionen erfordert. Piesches Rückgriff auf die Metapher des Steins ruft auch Sara Ahmeds Gedanken zur Diversitätsarbeit an weißen Institutionen ins Gedächtnis. Denn, so Piesche, viele Kulturinstitutionen arbeiten heute daran, die „Marginalisierten fitter zu machen“ für die Kontexte, die sie bisher ausgrenz(t)en. Dadurch verhärten sich aber in den meisten Fällen die exkludierenden Strukturen der jeweiligen Institution, die ihre Arbeit auf die „Betroffenen“ verschiebt und die institutionelle Selbstreflexion damit weit von sich weist. Es handelt sich also lediglich um kosmetische Behandlungen an denen, die außen stehen und nicht um ein Rütteln an den institutionellen Strukturen. Einen Ziegelstein zu verprügeln, versinnbildlicht die konfrontative Anstrengung, die BIPoC dabei oft leisten müssen – es ist ein ähnliches Bild, das Sara Ahmed in ihrem Buch „On Being Included“[4] entwirft. Was bei Peggy Piesche (in Anlehnung an Ali) die Verletzung des Ziegelsteins ist, ist bei Ahmed gleich die ganze Mauer, die „brick wall“, gegen die Marginalisierte rennen, wenn sie um eine Veränderung institutioneller Strukturen bemüht sind. Die „feel-good performance“ von Diversity, die Ahmed am Beispiel von Gleichstellungspraxis an Universitäten beschreibt, führe nur dazu, dass sich Strukturen an Institutionen verfestigen und komfortabel werden. Auch in Kulturinstitutionen wie Theatern darf es in Bemühungen um Vielfalt „nicht zu gemütlich werden“, so Peggy Piesche. Stattdessen gelte es, dahin zu schauen, wo die Expertise ist und institutionelle Strukturen neu zu denken. Konfrontationen müssen auf den Tisch gelegt werden. Der Titel des Festivals FRIENDLY CONFRONTATIONS ist daher durchaus als Handlungsanweisung zu verstehen.

Die Arbeiten, die im Rahmen des Festivals vom 16.1.-19.1. an den Münchner Kammerspielen zu sehen waren, sprechen nicht immer wieder darüber, dass wir diversere Institutionen brauchen, sondern werfen ästhetisch und inhaltlich anspruchsvolle kritische Perspektiven auf den institutionellen Status Quo und dessen Ringen um mehr Vielfalt. Sie sind „friendly confrontations“, freundliche Auseinandersetzungen, die den Konflikt mitdenken und in eine ästhetische Praxis einarbeiten.

Performer Rudi Natterer in BEING PINK AIN’T EASY von Joana Tischkau, Foto: Justus Gelberg

Im sanft-plüschigen monochromen rosa Bühnenbild der Inszenierung BEING PINK AIN’T EASY der Choreographin Joana Tischkau öffnet der Performer Rudi Natterer immer wieder sein Klapphandy, um mit jemandem zu sprechen, der ihn freundlich, aber bestimmt auf seine Pinkness hinweist und die für ihn damit verbundenen Gefühle benennt, die er schließlich auf der Bühne choreographisch austrägt. Auf klug reduzierte Art verwebt Tischkau den Umgang mit geschlechtsspezifischen und kulturellen Konstruktionen: Ausgangspunkt der Arbeit ist die Performance pinker Softness durch schwarze Künstler*innen in den frühen 2000er Jahren als Kontrast zur Macho-Männlichkeit im HipHop und das weiße Begehren, das sich an schwarze Ästhetiken stets anschließt. Der Performer parodiert in Zeitlupe Inszenierungen von HipHop-Männlichkeit und die Versuche, seiner eigenen Pinkness zu entkommen. Obwohl er kein Wort sagt, tanzt und schluchzt er eine white fragility auf die Bühne, die einem auch aus kulturpolitischen Diskussionen über Rassismus und kulturelle Aneignung bekannt vorkommen kann: „You just wanna leave it all behind.“, erinnert ihn die Stimme am Telefon. „But in this bright future you can’t forget the past.”

Ein ornithologischer Lecture Walk führt am verregneten Samstagnachmittag durch den Münchner Hofgarten. Während der Künstler und ‚birdwatcher‘ Nadir Sourigi Meisen, Krähen und einen Baumläufer an ihrem Gesang ausmacht, verwebt er in BIRDING THE ANTHROPOCENE ganz nebenbei die Vogelkunde mit der Geschichte des Kolonialismus und dem Zusammenhang von Kapitalismus und Ökologie. In der Tristesse des Januarnachmittags stapft das Publikum durch den Schneeregen und wird direkte Zeugin der Auswirkungen des Anthropozäns im Kleinen: München ist die vogelärmste Stadt Deutschlands. Versiegelte Böden und die urbane Verdichtung sind hier ein größeres Problem als in allen anderen deutschen Großstädten und haben viele städtische Vogelarten verdrängt. Betrachtet man dieses drastische Bild weniger lokal, sondern global, zeichnen sich koloniale und industrielle Eingriffe in Lebensräume als äußerst folgenreich ab.

Das künstlerische Programm des Festivals FRIENDLY CONFRONTATIONS reichte von Filmen, Konzerten, Diskussionen, Vorträgen und Theateraufführungen bis hin zu einem tatsächlichen Boxkampf zwischen dem TSV 1860 München, dem Attoh Quashi Boxing Gym und der Charles Quartey Boxing Foundation aus Accra (Ghana). Die Veranstaltungen, die auf den ersten Blick vielleicht zusammenhangslos wirken mochten, traten in ihrer Vielstimmigkeit in einen Dialog über Kulturinstitutionen und die Rolle, die sie zukünftig einnehmen können. Das Festival war ein Plädoyer dafür, nicht nur Arbeitsverhältnisse anzupassen, sondern auch über eine diverse Ästhetik nachzudenken.

Was kann das heißen? FRIENDLY CONFRONTATIONS ist eine Antwort. Denn nur in Konfrontationen finden Aushandlungen statt, die die „brick wall“ offen verhandeln, die Ziegelsteine verprügeln und ein gemeinsames Nachdenken über neue Möglichkeiten zeigen.

BEING PINK AIN’T EASY von Joana Tischkau ist vom 24.-26. März 2020 im Rahmen des Festivals QUEER DARLINGS 2 an den Berliner Sophiensaelen zu sehen.

 

[1] Vgl. Fischer, Jonathan: Boxen und Theater. Eine oft missverstandene Liaison, Programmheft „Friendly Confrontations“, Münchner Kammerspiele 2019.

[2] Die Ereignisse um das staatliche Kinder- und Jugendtheater „Theater an der Parkaue“ unter der Intendanz von Kay Wuschek und die inzwischen erfolgte Neuorientierung lassen sich in einem Pressespiegel auf der Website des Hauses nachverfolgen: https://www.parkaue.de/haus/

[3] Vgl. hierzu auch Elisa Liepsch und Julian Warner: Allianzen: Kritische Praxis an weißen Institutionen, Bielefeld: transcript Verlag, 2018.

[4] Vgl. Sara Ahmed, On Being Included: Racism and Diversity in Institutional Life, Durham: Duke University Press, 2012.