Affektregulation in globalen Medienkulturen

Das ist irgendwie eine Traumwelt, das sind wunderschöne Orte, wo wir hinfahren. Es sind tolle Locations, es sind tolle Dates, die man erlebt. Und da will man tolle Menschen sehen und tolle Küsse erleben und tolle Rosen, also so eine, es ist alles schön.

(Interview mit einer Produzentin von Reality TV-Formaten, 2016)

If the same objects make us happy – or if we invest in the same objects as if they make us happy – then we would be directed or oriented in the same way. To be affected in a good way by objects that are already evaluated as good is a way of belonging to an affective community. We align ourselves with others by investing in the same objects as the cause of happiness.

(Ahmed, 2010, S. 38)

Der Grundgedanke von Affective Societies verweist auf die essenzielle Bedeutung und Wirkmächtigkeit von Affekten und Emotionen für die Strukturierung von Sozialität und sozialer Ordnung. Medien übernehmen dabei einen wesentlichen Anteil bei der Erzeugung, Zirkulation, Verstärkung und Regulation von Affekten. Insbesondere grenzüberschreitende Formen der Mobilität von Menschen, Artefakten, Informationen oder Ideen werden mit und durch mediale Kommunikationsprozesse ermöglicht. Der affektive Gehalt dieser Kommunikationsprozesse erzeugt Formen von Zugehörigkeit – oder verhindert diese.

Der Ausgangspunkt unserer Forschung liegt in der Analyse eines TV-Formats, das mit über 45 lokalen, nationalen oder regionalen Adaptionen im Verlauf der Ausstrahlungszeiten seit 2003 ein globales Publikum adressiert. Das Format Top Model steht exemplarisch für eine globale Fernsehökonomie, die mit je spezifischen lokalen Adaptionen ein Publikum auf allen Kontinenten erreicht. Der von Reckwitz (Reckwitz, 2016) eingeführte Begriff des Affektgeneratoren beschreibt das Potenzial solcher Medienformate, Affekte zu erzeugen und zu verstärken. Im Reality TV wird dies mit Formen des affektiven Exzesses beispielsweise der inszenierten Konflikte überaus deutlich (Lünenborg et al., 2011). Als Ergebnis unserer Analyse heben wir die wichtige Funktion dieser Affektregulation hervor. Von ökonomischem Interesse ist dabei nicht allein die globale Medienreichweite, sondern auch die Teilhabe an einer globalen Konsum- und Warenkultur, die mit Affekten des Begehrens und der Sehnsucht erzeugt wird.

Penz und Sauer (2016, S. 217) verweisen darauf, dass die zeitgenössische affektive Ordnung „vom weiblich konnotierten affektiven Konsumbegehren und der Warenästhetik“ bestimmt ist. Anstelle vermeintlich ‚globaler Gefühle‘, die im Reality TV erzählt werden, ist es die Adressierung von Konsumwünschen und Teilhabe an einer Waren- und Lifestylegesellschaft, die auf der vollständigen Kommodifizierung von Subjekten einschließlich ihrer emotionalen und affektiven Dispositionen basiert.

Um derartige komplexe Verbindungen zwischen inszenierten Emotionen, deren Kommodifizierung und affektiven Relationalitäten zwischen Produzent:innen, Medientext und Zuschauenden zu analysieren, wurde ein multimethodisches Vorgehen gewählt. Dazu wurden zunächst Expert:inneninterviews durchgeführt, die Sendungen wurden einer Textanalyse unterzogen und im Anschluss wurden Videobeobachtungen bei Zuschauenden zuhause und Gruppendiskussionen durchgeführt. Aus einer holistischen Zusammenschau der unterschiedlichen empirischen Zugänge unserer Analyse lässt sich Folgendes schlussfolgern: Formate des Reality TV liefern Material, mit dem im ‚Als-ob‘-Modus Formen der Affektregulation erprobt, moduliert und auch irritiert oder zurückgewiesen werden.

Affektregulation verweist darauf, dass es nicht allein darum geht, möglichst viel und stark zu affizieren, um damit hohe Intensitäten zu erzeugen, die es erlauben, möglichst viel Kapazität und Arbeitskraft abzuschöpfen. Vielmehr verweist die Regulation auf Momente der Kontrolle, deren Ziel die Erzeugung eines Selbst darstellt, basierend auf optimal regulierten und performativ erzeugten Affekten. Das in dem Fernsehformat inszenierte und vermittelte Wissen um wünschenswerte Emotionen (bspw. Selbstvertrauen, Enthusiasmus) und um unerwünschte, ggf. zu verbergende Emotionen (bspw. Angst, Neid) ruft zu einem beständigen Optimierungshandeln auf. Gleichzeitig zielt die Inszenierung jedoch darauf ab, widersprüchliche Empfindungen zu den formatintern erwünschten Emotionen herzustellen. So sollen die Kandidatinnen beispielsweise Vertrauen in den eigenen Körper entwickeln, während für Zuschauende auf körperlicher Ebene vor allem Verunsicherung und Angst spürbar gemacht wird. Auf diese Weise entstehen Paradoxien die affektive Medienpraktiken in Gang setzen (Töpper, 2021) und eine vergemeinschaftende Kraft entfalten.

Reaktionen der Kandidatinnen von Germany’s Next Topmodel auf angsterregende Situationen wie das Umstyling
(Image Credit: ProSieben, GNTM 2016, Folge 4 vom 25.02.2016)

Der Versuch, diese Gegensätze zu überwinden, führt beispielsweise bei den Zuschauer:innen zu Empfindungen von Zugehörigkeit zu Gemeinschaften (wie beispielsweise Läster-Gemeinschaften oder Scham-Gemeinschaften). Im Rahmen dieser unterschiedlichen Gemeinschaften ordnen Zuschauende die Widersprüche, bringen sie überein oder grenzen sich von ihnen ab. Sendungen wie Germany’s Next Topmodel bieten auf diese Weise Material, mit dem – insbesondere jüngere Zuschauer*innen, aber keineswegs allein diese – Variationen individueller Affektregulation und Affektmodulation beobachten, bewerten und selbst ausprobieren. Wir finden dabei affirmative Bestätigungen dieser Regulationen in resonanten Praktiken der Zustimmung und des Re-Enactments, aber ebenso Formen der Kritik, Ironie und Zurückweisung in dissonanten Praktiken. Gleichwohl stellen sie allesamt Variationen medialer Affektregulation dar.

Sichtbar wird die Ambivalenz und Kontingenz affektiver Medienpraktiken: Sie erzeugen und reflektieren Unterwerfung ebenso wie Subjektbildung, Herrschaft und zugleich Befreiung, sie beinhalten Affirmation und Subversion. Sie sind wesentlicher Bestandteil komplexer Vergemeinschaftungsprozesse, die fortlaufend Formen der Inklusion wie auch der Ausgrenzung erzeugen. In unserem Analysematerial wird eindrücklich sichtbar, dass Formen der Widerständigkeit (auf der Ebene der Protagonist:innen bspw. verkörpert durch ‚Zicken‘, die sich den Erwartungen der Jury widersetzen) zu einem zentralen Bestandteil der Sendungsdramaturgie werden. Dem Zelebrieren scheinbarer Ermächtigung folgt unausweichlich das Scheitern. Denn dem ultimativen Diktat der Unterwerfung darf sich niemand widersetzen. Widerstand und Verweigerung werden damit reduziert auf den affektiven Stimulus in der medialen Affektökonomie. Derartige Stimuli motivieren affektive Medienpraktiken und setzen Ordnungsprozesse in Gang. Diese dienen wiederum einer kapitalistischen Inwert-Setzung, durch die nicht nur der Status bestimmter Körper erhöht oder herabgesetzt wird, sondern auch Körper aufeinander ausgerichtet und damit bestimmte Gemeinschaften oder Spaltungen erzeugt werden. Solche Ordnungsprozesse sind vor allem emotional strukturiert und werden durch affektive Medienpraktiken vollzogen, die überwiegend auf die Abwertung von sich verweigernden Körpern abzielen. Innerhalb der medialen Affektökonomie entstehen dadurch Abstoßungsprozesse, die auf Ausschluss ausgerichtet sind. Exkludierende affektive Medienpraktiken haben dabei jedoch gleichzeitig auch eine vergemeinschaftende Funktion (Töpper, 2021). Beispielsweise, wenn Zuschauende sich bei Facebook über die abwertende Kommentierung der Protagonistinnen der Reality TV-Sendungen einer Läster-Gemeinschaft anschließen.

Verunsicherung durch vermeintliches Versagen der Kandidatinnen von Germany’s Next Topmodel und damit einhergehende Verlegenheitsmomente
(Image Credit: ProSieben, GNTM 2016, Folge 2 vom 11.02.2016)

Konstatieren wir mit Penz und Sauer (2016), Hardt (1999) sowie Hardt und Negri (2000) einen Wandel der gesellschaftlichen Gefühlsordnung, bei der berufliches, privates wie staatliches Handeln und deren aktuelle Transformationen in spezifische Emotionsregeln eingebettet sind, so lassen sich affektive Medienpraktiken als wesentliches Element zur Erprobung, Etablierung und Verstetigung dieser Ordnung begreifen. Die Partizipationspraktiken im Reality TV ermöglichen ein Probehandeln für die Regulation von Affekten in der Verbindung von Kontrolle und Selbstermächtigung. Affektive Praktiken mit digitalen Medien schreiben dieses Handeln fort und fächern es weiter aus. Ein holistisches Analysemodell erlaubt somit Aussagen dazu, wie Affekte auf verschiedenen Ebenen der medialen Kommunikation erzeugt, moduliert, intensiviert oder auch unterbrochen werden.

Die Ergebnisse der Studie erscheinen demnächst in der Monografie „Affektive Medienpraktiken. Emotionen, Körper, Zugehörigkeiten im Reality TV“ bei Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Cover: Weltweite Verbreitung des Formats Top Model (Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/File:NTMOnWorldMap.jpg)

Literatur:

Ahmed, S. (2010). The Promise of Happiness. Duke University Press.

Hardt, M. (1999). Affective Labor. Boundary 2 – An International Journal of Literature and Culture, 26(2), 89–100.

Hardt, M., & Negri, A. (2000). Empire. Harvard University Press.

Lünenborg, M., Martens, D., Köhler, T., & Töpper, C. (2011). Skandalisierung im Fernsehen: Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality-TV-Formaten. Vistas Verlag.

Penz, O., & Sauer, B. (2016). Affektives Kapital. Die Ökonomisierung der Gefühle im Arbeitsleben. Campus Verlag.

Reckwitz, A. (2016). Kreativität und Soziale Praxis. Studien zur Sozial- und Gesellschaftstheorie. transcript.

Töpper, C. (2021). Mediale Affektökonomie. Emotionen im Reality TV und deren Kommentierung bei Facebook. transcript.