Von Lagerfeuergefühl über Lästern bis Scham: Emotionsgemeinschaften des Reality TV-Publikums

Das abgeschlossene Teilprojekt B02 „ Transkulturelle emotionale Repertoires im und durch Reality TV“ befasste sich mit den affektiven Dynamiken des Reality TV, bzw. mit der Frage, wieso Reality TV Formate wie Germany’s Next Topmodel weltweit so beliebt sind. Neben begeisterter Zustimmung sorgt die Sendung gleichzeitig auch für Shitstorms und kritische Diskussionen (z.B. #notheidisgirlpinkstinks). Offenbar bietet die Sendung starkes Affizierungspotential: Gefühle wie guilty pleasure, feministisch-kritische Aktionen und Diskussionen oder Distinktionsprozesse gegenüber dem Format sind nur einige Formen möglicher Publikumsreaktionen, die im Projekt analysiert wurden. 

Der Beitrag gibt einen Einblick in die Ergebnisse der Studie und zeigt auf, welche affektiv grundierten Prozesse der Vergemeinschaftung durch Fernsehen organisiert werden und wie damit Formen von Zugehörigkeit verhandelt und Ausschlüsse produziert werden. Als Grundlage dienen die Ergebnisse einer Teilstudie zur Rezeption und Aneignung von Reality TV, in deren Rahmen sechs Gruppen regelmäßiger Zuschauer*innen von TV-Sendungen wie Germany’s Next Topmodel oder Der Bachelor in Gruppendiskussionen befragt wurden.

Preview der ersten Folge der 13. Staffel von Germany’s Next Topmodel am 06.02.2018 im Kino Zoo-Palast. © Laura Sūna

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Zuschauenden eine emotionale und affektive Bindung zu den in den Sendungen inszenierten Körpern sowie auch zu den Formatregeln (wie beispielsweise Wettbewerb) entwickeln. Es entstehen Emotionsgemeinschaften, für die eine geteilte Orientierung bzw. Positionierung gegenüber den Sendungen kennzeichnend ist (vgl. dazu auch Rosenwein 2002). Medienbezogene Emotionsgemeinschaften beruhen somit auf der Artikulation, Affirmation und Irritation von medial vermittelten Emotionen und ermöglichen ein geteiltes Zugehörigkeitsempfinden sowie Abgrenzungsbemühungen (vgl. dazu auch Wahl-Jorgensen 2019). Welche Muster der Vergemeinschaftung nun für das Publikum von Reality TV typisch sind, zeigt der folgende Beitrag.

Emotionsgemeinschaften der Zusammengehörigkeit und Freundschaft: Gemeinsames Fernsehen als gemütliches Ritual

Für Zuschauende, die sich selbst als Fans von Reality TV-Formaten begreifen, geht es bei der gemeinsamen Rezeption der Sendungen im häuslichen Rahmen um Freundschaft und Zusammengehörigkeit. Mit dem Fernseherlebnis verbinden sie Freude, Gemütlichkeit, Geborgenheit und Vergnügen. Diese Gefühle werden verstärkt durch das Wissen über eine (imaginierte) translokale Gruppe von Gleichgesinnten, mit denen sie über Social Media verbunden sind. Die Sendungen stellen einen gemeinsamen Bedeutungshorizont her, der sowohl kommunikativ als auch affektiv verhandelt wird. Dies illustriert folgender Diskussions-Ausschnitt: Der 33-jährige Julian[i] zeigt Zugehörigkeitsgefühle zu einer Gemeinschaft von Populärkultur-Fans. Sie gilt als identitätsstiftend, da sie auf einer empfundenen Gemeinsamkeit basiert, die keiner expliziten Verbalisierung bedarf.

Ja, vielleicht ist es tatsächlich einfach nur Kontakthalten zu einer Kultur von Lagerfeuer, Kultur von Gemeinschaftlichkeit. Also ich glaube, wir haben weniger, kaum noch, schon lange nicht mehr viel nachlaufend drüber [über die Sendung Germany’s Next Topmodel] geredet. Sondern es ist irgendwie so ein gutes Gefühl: Da ist was und das teile ich mit Anderen und das ist irgendwie anschlussfähig und darüber können wir reden, ne? Irgendwie so Elemente gemeinschaftlicher Popkultur.

Die emotionale Bindung der Zuschauer*innen an die Sendung scheint demnach unauflöslich mit der Sozialität lokaler Emotionsgemeinschaft verbunden zu sein. So rückt oft die Freundesgemeinschaft in den Vordergrund und das Fernsehangebot selbst nimmt die Rolle eines Nebenbei-Genusses ein. Man kann diese emotionale Gemeinschaftsbildung als Kontrast und Gegengewicht zu der Instabilität und Unsicherheit verstehen, die im Fernsehformat im Modus des steten Wettbewerbs fortlaufend erzeugt wird. Wo im Wettbewerb die eigene Position immer wieder zur Disposition steht und damit als fragil und prekär erlebt wird, bietet die imaginierte Fangemeinschaft Geborgenheit und Stabilität.

Läster-Gemeinschaften: Fernsehen als soziale Distinktion

Gleichzeitig weist das Publikum von Reality TV Formen emotionaler Vergemeinschaftung auf, die als Läster-Gemeinschaft bezeichnet werden können. In diesen fühlen sich die Zuschauenden miteinander verbunden, wenn sie über die Teilnehmer*innen der Sendungen Spott und Schadenfreude artikulieren. Das Lästern bestätigt soziale und kulturelle Distinktion, indem das eigene (Medien)Wissen Überlegenheitsgefühle gegenüber den in den Sendungen inszenierten Körpern sowie gegenüber anderen Zuschauenden ermöglicht. Dabei werden exzessive und als übertrieben markierte Emotionsausdrücke und Verhaltensweisen der Protagonist*innen als Emotionsrepertoires bildungsferner Gesellschaftsgruppen gedeutet. Die 17-jährige Tatjana beschreibt es wie folgt:

Die jetzt irgendwie so eine akademische Laufbahn einschlagen wollen, die sind vielleicht zu langweilig. […] Also kann ich mir gut vorstellen, dass dann da [bei Castingshows] eher so Leute drin sind, die halt so eher ein bisschen verrückter sind, sage ich mal.

Emotionskontrolle gilt demgegenüber als Ausdruck von Kultiviertheit und charakteristisch für eine bürgerliche Mittelschicht, der man sich selbst zurechnet. Der von Norbert Elias (1988) beschriebene Prozess der Zivilisation als Regulation und Kontrolle von Affekten und Emotionen wird hier als Distinktionsmechanismus verwandt. Das regelmäßige Sehen des Fernsehangebots kann somit als stetige Wiederholung und Vergewisserung dieser gemeinschaftlichen Differenz gegenüber den Kandidat*innen des Reality TV verstanden werden. So sagt die 18-jährige Studentin Tam: „Die [Protagonistin der Sendung] ist einfach nur dumm.“ Worauf ihre 17-jährige Freundin Tatjana, ebenfalls Studentin, erwidert: „Ja, man lacht wegen der Dummheit der Menschen“. Das eigene Bildungsniveau der Diskutant*innen wird in Abgrenzung zu den Teilnehmer*innen als überlegen markiert und ihnen werden negative Affekte angehaftet. Ähnlich verhandeln und markieren die Zuschauenden die empfundenen Grenzen auf der Ebene des Geschlechts und der Ethnizität, indem sie anhand rassifizierender Marker über die Kandidat*innen der Sendungen sprechen und ihnen als übertrieben markierten Emotionsausdruck zuschreiben („Die Schwarze! [. . .] Die hat die ganze Zeit immer richtig rumgejammert“). Durch das Lästern bzw. das Verspotten erschaffen sich die Zuschauenden also eine Emotionsgemeinschaft, die sich insbesondere durch den Ausschluss oder Delegitimierung bestimmter Emotionen vollzieht sowie in Abgrenzung zu den Körpern, denen diese Emotionen zugeschrieben werden.

Scham-Gemeinschaft: Affektive Anstrengungen beim Fernsehen

Neben Freundes- und Läster-Gemeinschaften bildet das Publikum des Reality TV außerdem Scham-Gemeinschaften. Diese erfahren ihren Ausdruck unter anderem in affektiven Anstrengungen beim Fernsehen: Die Interviewpartner*innen beschreiben die Rezeption oftmals als „anstrengend“ oder „peinlich“. Affektive Anstrengungen erleben die Zuschauenden insbesondere, wenn es um die Positionierung zu Emotionsrepertoires sowie um moralische Fragen wie beispielsweise die Zurschaustellung nackter Körper geht. Solche Aneignungsatmosphäre wird durch Praktiken des Schämens moduliert, wie dies folgender Ausschnitt aus einer Gruppendiskussion zeigt: „So ein kleiner Selbsthass vielleicht. Dass man sagt: ‚O Gott, warum gucke ich hier ProSieben-Castingshows? Wie tief bin ich gesunken?‘“ (Max, 18 Jahre). 

Gleichzeitig empfinden Reality TV Zuschauende Gefühle der guilty pleasure, weil sie Spaß am Scheitern Anderer empfinden und sich gleichwohl der gesellschaftlichen Bewertung solcher Medienformate als minderwertig bewusst sind. Sie verspüren das Bedürfnis, sich für ihre TV-Vorliebe zu rechtfertigen. Scham und Schuldgefühle werden in der Gemeinschaft verhandelt und relativiert, damit zugleich Vergnügen an der Rezeption erlebt werden kann. Auf diese Weise erzeugt das Publikum Distinktion zu Emotionsrepertoires, die sie bildungsfernen Schichten und anderen Gesellschaftsgruppen zuordnen.

Die Studie zeigt, wie in, mit und durch medialer Kommunikation affektiv basierte Gemeinschaften und Zugehörigkeiten erzeugt werden. Hier liegt ein beträchtliches Potenzial für weiterführende Arbeiten in der Kommunikationswissenschaft. Die Untersuchung verweist zeitdiagnostisch auf den fluiden, prekären und instabilen Charakter von Vergemeinschaftung. Gemeinschaft – ein Grundnarrativ des Reality TV – wird stets als nur temporär, umkämpft und unsicher erlebt. Als Charakteristikum von Unsicherheits- und Kontingenz-Erleben in zeitgenössischen gesellschaftlichen Umbrüchen spiegeln medial erzeugte Formen der Vergemeinschaftung diese Erfahrungen von Instabilität und Brüchigkeit. Als Gegenstück zu dieser Fragilität bieten Medien das Potenzial, Zugehörigkeit zu organisieren – wenngleich auch diese nur von begrenzter Dauer und Stabilität ist. So wird im Reality TV den Zuschauenden einerseits Fluidität von Zugehörigkeiten vermittelt, andererseits werden beständige, sozial verortete Vergemeinschaftungen um Geschlecht, Klasse, Herkunft aufgerufen, die bestehende gesellschaftliche Machtstrukturen prägen.

Die Ergebnisse der Studie erscheinen demnächst in der Monografie „Affektive Medienpraktiken. Emotionen, Körper, Zugehörigkeiten“ bei Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften. 


[i] Alle Namen der Interviewpartner*innen sind geändert.


Literatur: 


Elias, Norbert, 1988: Über Den Prozeß Der Zivilisation. 2, Wandlungen Der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.


Rosenwein, Barbara H., 2002: Worrying about Emotions in History. The American Historical Review 107(3): 821–845.


Wahl-Jorgensen, Karin, 2019: Creating an Emotional Community: The Negotiation of Anger and Resistance to Donald Trump. In Media and the Politics of Offence. Anne Graefer, ed. Pp. 47–63. Cham: Springer International Publishing.