Gibt es einen monolingualen Affekt? Und wie kann man ihn provozieren? Tomer Gardis Lesung beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2016

Sprache und Affekt sind eng miteinander verbunden und aufeinander bezogen. Dass es ein Gefühl für die Sprache gibt, wie es die Rede vom Sprachgefühl anzeigt, wird besonders deutlich in der Wahrnehmung von ‚Fehlern‘: Sprecher*innen merken sehr schnell, wenn etwas nicht stimmt und sozusagen im Affekt verbessern sie sich selbst oder andere. Hier deutete sich schon eine tiefgehende Verbindung zwischen sozialen Gefühlen und sprachlichen Normen an. Allerdings werden die Dinge in Bezug auf das zunächst so sichere Gefühl für die Sprache häufig komplizierter. Denn was genau ist überhaupt eine Norm? Und wie verbindlich kann sie sein, wenn doch Redesituationen extrem unterschiedlich sein können: Zwischen der U-Bahn, einem feierlichen Anlass, dem Bürgeramt oder dem small talk zwischen Menschen mit unterschiedlichen Sprachbiographien scheinen Welten zu liegen – und hier sind die Sprachen der Literatur noch gar nicht erwähnt.

Dass gerade Literatur für das Sprachgefühl besonders spannend werden kann, hat die Lesung des israelischen Autors Tomer Gardi beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt 2016 auf besonders eindrückliche Weise gezeigt. Gardis Text, ein Auszug aus seinem später veröffentlichten Roman mit dem programmatischen Titel broken german (2016), kam bei der anwesenden Jury durchaus gut an; die genauere Beurteilung fiel ihr jedoch schwer. Hatte das broken German in Gardis Text das Sprachgefühl der Kritiker*innen irritiert? Einen sprachlichen Affekt provoziert? In der direkt an die Lesung anschließenden Diskussion der Jury war jedenfalls ein merkwürdiges Gefühl des Unbehagens spürbar. Anstelle des erwarteten ästhetischen Urteils zog sich ein Vor- und Zurück durch die 30-minütige Diskussion, die den eigentlichen Text dabei zuweilen ganz aus den Augen zu verlieren schien. Kurz, ein komischer Stillstand an einem Ort, an dem es doch um den elaborierten, gelegentlich euphorischen, polemischen und meistens auch unterhaltsamen Streit um die Bewertung literarischer Texte geht.

Der Bachmannpreis, um es kurz in Erinnerung zu rufen, hebt sich gegenüber anderen Literaturpreisen durch seine Wettbewerbsstruktur ab: Die nominierten Autor*innen lesen einen Auszug aus einem unveröffentlichten Text und die aus Kulturjournalist*innen zusammengesetzte Jury diskutiert im unmittelbaren Anschluss das Gelesene – live und in Farbe durch den ORF und 3Sat übertragen. Neben der Lesung spielt sich also auch die Jurydiskussion auf einer Bühne ab. Ob in Form von Lobgesängen oder vernichtenden Kritiken, die Struktur des Bachmann-Wettbewerbs hebt auf ein performatives Element ab und erlaubt somit auch einen Blick auf die Prozesse von Reflexion und Bewertung selbst – Literaturkritik in process könnte man sagen, ohne der Vorstellung dabei den Inszenierungscharakter absprechen zu wollen.

 

„Für die anderen auch: Ich kann Deutsch, ja.“

Was war nun der Grund dafür, dass im Falle von Tomer Gardis Lesung diese Choreographie der Literaturkritik durcheinander geriet? Oder besser: gar nicht erst richtig in Gang kam? Meine Vermutung ist, dass Gardis Lesung im Verhältnis von literarischer Sprache und Literaturbewertung eine politische Dimension fühlbar werden ließ – und zwar eine, die durchaus unbehaglich sein kann, jedenfalls aber zutiefst ambivalent ist.* Grundlage dafür ist das von Gardi im Text verwendete, schon erwähnte broken german. Ein Deutsch, das sich nicht an die Regeln der Standardgrammatik und -orthographie hält und spielerisch eine Vielzahl von Wörtern einführt, die im Duden nicht zu finden sind. Das wird schon in den ersten Sätzen deutlich:

Am Ende von diese Flug verlieren ich und meine Mutter unseren Koffern. Bei der rollenden Gummiband stehen wir, da mit den Anderen. Schlafentzugt, nikotinhungrig, erschöpft, als die Koffern uns vorbei langsam rollen.

Was ist das für eine Sprache? Ist es überhaupt Deutsch – oder eine ‚Kunstsprache‘? Und was würde das bedeuten? Die Diskussion der Jury war zunächst mit diesen Fragen beschäftigt, wobei betont werden muss, dass es sich hier um echte literaturkritische Neugier handelte und keineswegs um eine Spielart des ‚Sprachschützertums‘. Um den ‚Erhalt‘ der Literatur- und Hochkultursprache Deutsch wenig besorgt, unternahmen die Jurymitglieder vielmehr Versuche der genaueren Einschätzung des broken German. Im Verlauf der Diskussion konnte dabei eine interessante Wendung beobachtet werden, die auch in einigen Ausführungen der Jury schnell reflektiert wurde: Die Diskussion konvergierte in der Frage nach dem Autor und seiner Sprachkompetenz: ‚Spricht Tomer Gardi eigentlich so wie er schreibt? Kann Tomer Gardi überhaupt ‚richtiges‘ Deutsch?‘ Mit der Person des Autors wird hier nicht nur eine Kategorie aufgerufen, die seit Roland Barthes berühmten Aufsatz „Der Tod des Autors“ in jeder Einführung in die Literaturwissenschaft aufs Neue begraben wird. Für die mit den Wassern der postmodernen Literaturtheorie gewaschene Jury also durchaus eine ungewöhnliche, bemerkenswerte Fragerichtung. Über fünfzig Jahre nach dem Erscheinen seines Schule machenden Essays stehen in Klagenfurt darüber hinaus Fragen im Raum, an die Barthes womöglich nicht gedacht hatte: In welcher Sprache schreibt ‚der‘ – auch in seiner Dekonstruktion häufig männlich vorgestellte – Autor eigentlich (Nübel 1999)? Muss es die so genannte Muttersprache sein? Oder muss er nicht zumindest die Sprache, die er in seinen Texten verwendet, ‚beherrschen‘ können? In der Tat standen diese Fragen eher im Raum, als dass sie so konkret gestellt wurden. Allerdings müssen sie eine fühlbare Präsenz bekommen haben, denn Tomer Gardi, winkend und mit lachendem Gesicht, unterbricht an einer Stelle die Diskussion und gibt unaufgefordert eine Antwort: „Ich kann Deutsch, ja. Für die anderen auch: Ja.“

 

Monolingualer Affekt: Der Elefant im Raum

Die Spannung, die die Diskussion durchzog, hat Gardis Intervention nicht gelöst. Das liegt auch daran, dass die eigentliche Frage meiner Meinung nach eine andere ist – nämlich die nach dem Verhältnis von autorschaftlicher Sprachkompetenz und der literarischen Sprache des Textes. In anderen Worten: die alte und tatsächlich etwas unangenehme Frage, ob die Regeln der Sprache ‚beherrscht‘ werden müssen, um den Regelbruch als einen ‚ästhetischen‘ wahrnehmen zu können – und ihn in diesem Sinne als besonders wertvoll auszuzeichnen. Die politische Dimension dieses Rahmenwerks der ästhetischen Bewertung auf dem Terrain der Sprache liegt auf der Hand: Die Sprache ‚beherrschen‘, das meint die Kompetenz des sogenannten Muttersprachlers, des native speakers. Ihm sei diese ‚Beherrschung‘ gleichsam angeboren (native), so klingt es in der deutschen als auch in der englischen Bezeichnung an. In jüngerer Zeit haben germanistische Studien die historische Entstehung dieser Verbindung herausgearbeitet und gezeigt, wie die sprachliche Zugehörigkeit zu der ‚imagined community‘ (Benedict Anderson) einer Nation um 1800 als Voraussetzung literarischer Autorschaft diskutiert und zu einem wirkmächtigen normativen Diskurs wurde, einer ,monolingual condition‘ (Yildiz 2012).

Dass dieser normative Rahmen bis in die Gegenwart reicht, wird an den vielen, bis heute kontroversen Debatten um Begriffe wie ‚Migrationsliteratur‘ deutlich. Die Diskussion von Gardis Text zeigt jedoch auch: Nach der Dekonstruktion der Vorstellung eines solchen, gewissermaßen nativ-souveränen Autorsubjekts und der anhaltenden kritischen Auseinandersetzung mit dem nationalstaatlichen Erbe, das die Idee der Literatur mit sich führt, zumal nachdem postkoloniale Theorie bis in die literaturkritische Diskussion vorgedrungen ist und die Gruppe der Teilnehmer*innen – und Gewinner*innen! – des Bachmann Wettbewerbs keineswegs mehr auf deutsche ‚Muttersprachler*innen‘ beschränkt ist, provoziert Gardis broken german dennoch einen monolingualen Affekt. Damit sollen hier ausdrücklich nicht die Gefühle der Jury oder des Publikums gemeint sein, denn wie schon erwähnt kann von einer ablehnenden Haltung keine Rede sein. Monolingualer Affekt artikuliert sich hier nicht als Abwehrreflex. Stattdessen bezeichnet er den Elefanten im Raum, die fühlbare Präsenz der Frage nach der Sprache des Autors, die in der Diskussion zur notwendigen Bedingung einer abschließenden Bewertung zu werden scheint. Er weist somit auf die gespenstische Anwesenheit eines Rahmenwerks hin, das für die Bewertung von Literatur immer noch eine starke Verbindlichkeit zu haben scheint, auch wenn die politischen Implikationen dieses Rahmens im kritischen Diskurs über Literatur längst dekonstruiert worden sind.

 

* Diese Leitfragen für die folgenden Überlegungen fokussieren die Performance beim Bachmann Preis und die Dynamik, die sich dort zwischen dem gelesenen Text, der Diskussion und Gardis Intervention entfaltet. Die vielschichtige Welt des Romans kann daher hier nicht behandelt werden. Für eine ausführliche Analyse vgl. Vlasta (2019).

 

Dieser Beitrag ist Teil der Themenreihe Affekt, Emotionen und das Politische.

 

Literatur:

Gardi, Tomer. 2016. broken german. Graz: Droschl.

Nübel, Sigrid. 1999. „Rückkehr einer Scheinleiche? Ein erneuter Versuch über die Autorin“. In: Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Hrsg. von Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matías Martínez, Simone Winko. Tübingen: Niemeyer 1999, S. 255-272.

Vlasta, Sandra. „,Was ist ihre Arbeit hier, in Prosa der deutschsprachige Sprach?‘ Mehrsprachige Räume der Begegnung und Empathie in Tomer Gardis Roman broken german“. In: Affektivität und Mehrsprachigkeit. Dynamiken der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Hrsg. v. Marion Acker, Anne Fleig, Matthias Lüthjohann. Tübingen: Narr 2019. In Vorbereitung.

Yildiz, Yasemin. 2012. Beyond the Mother Tounge. The Postmonolingual Condition. New York, NY: Fordham University Press.