A Lesson in White Supremacy

„3/Fifth“ von James Scruggs/3-Legged Dog in New York City

Eingang zum immersiven Themenpark-Besuch im „Supremacy Land“, ©TS

„Drei Fünftel“ – bereits der Titel verweist auf ein Kapitel in der langen Geschichte der systematischen und strukturellen Gewalt gegenüber afroamerikanischen Menschen in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Das Publikum der Performanceinstallation „3/Fifth. A dystopian ethno-theme park known as Supremacy Land“ im 3LD Art and Technology Center in New York besteht zu drei Fünfteln aus Weißen; beim Ensemble verhält es sich genau umgekehrt. Bezeichnenderweise sitzt eine blinde Performerin of color an der Einlass-Schwelle und fragt jeden einzelnen Gast nach seiner Hautfarbe. Je nach un-/wahrheitsmäßiger Angabe zeichnet sie den ‚weißen‘ Zuschauer*innen zwei weiße senkrechte Striche und den ‚schwarzen‘ Gästen einen schwarzen Strich auf die Stirn. Dazu händigt sie jedem ein Bündel Supremacy-(Spielgeld)-Dollars als Startkapital aus und weist den ‚Weißen‘ den Eingang links und den ‚Schwarzen‘ den Eingang rechts zu.

Welcome to Supremacy Land!

Vor einem flurbreiten Screen mit einem variierenden Bilder-Potpourri zum Topos White Supremacy aus ikonischen Flaggen (wie der der Konföderierten Staaten von Amerika, 1861-1865), rassistischen Werbeclips, Cartoons, historischen Aufnahmen der Ku-Klux-Klan-Verbrechen und Zeitungs-Headlines wie „Negro killed white lady“ begrüßt uns eine weiße Frau, Typ Miss-Wahl-Siegerin, mit blonder Perücke und rotem Abendkleid im „Supremacy Land – a place where people know their place and have real american fun“. Wie bei immersiven Theaterarbeiten üblich, erklärt sie uns kurz die Regeln (wie z.B. „The n-word is allowed here. We encourage you to use it.“) und bewirbt Extra-Attraktionen, die es nicht zu verpassen gelte. Die Tür öffnet sich und… there we are! Auf einem Jahrmarkt mit vierzehn, im Kreis angeordneten Schauständen, die darauf warten, besucht zu werden. Ich gehe zuerst zu einem Stand mit der Aufschrift „Learn to tie a noose“, wo mir eine Performerin beibringt, wie man kleine Mini-Galgen bindet. Auf ihrer roten Weste trägt sie als Namensschild „Nigger“. Schließlich, vom Andrang an ihrem Stand angeregt, bietet sie für einen Supremacy-Dollar selbstgemachten Schmuck zum Verkauf – z.B. ein Paar Mini-Galgen-Ohrringe, das sie auch selbst trägt.

Welcome to the Carnival of political incorrectness!

Als nächstes besuche ich das „Wheel of Fortune“. Hier gilt es, gegen einen Dollar Spieleinsatz, eine Frage zu beantworten und zusätzliches Geld zu gewinnen. Die Frage ist immer gleich, es variieren nur die jeweiligen Jahreszahlen. So will die Performerin für das Jahr 1930 wissen, wofür afroamerikanische Menschen damals gelyncht wurden: a) für Steinehüpfen am See, b) für die Wahl der falschen Partei, c) für das Herumstehen auf öffentlichen Straßen oder d) für all die genannten Antworten. Die letzte Antwort bringt den Supremacy-Gewinn.

Die nächste Schaubude ist ein Hau-den-Lukas: Nach zwei gescheiterten Versuchen, setzt mir die weiße Schaustellerin ein weißes Glückshütchen auf, das mir zusätzliche Kraft verleihen soll – und… Tatsache: Die zwei beweglichen Armteile schlagen zu einer Kreuzform aus und ich erhalte ein weißes Tuch mit zwei Augenschlitzen: „Welcome to our clan“.

Dann beobachte ich zwei Zuschauer*innen beim Videospiel „Rough Ride“: Vor einem Bildschirm gilt es, den Joystick so zu taktieren, dass der Avatar of Color im Spiel gewaltsam und äußerst heftig durchgeschüttelt wird.

Im Kreis der Supremacy-Land-Schausteller*innen bleibt noch ein Performer-Duo zu entdecken, das einen an Ministrel-Shows erinnernden „Coon Dance“ auf Knopfdruck der Zuschauer*innen zum Besten gibt sowie ein Performer, Typ Gangsta-Rapper mit Goldzahnreihe, der für ein exklusives Selfie bereitsteht. Zu den ‚beliebtesten’ Attraktionen mit der längsten Wartezeit gehört „Flip Flop (Race) Ride“ – hier dürfen sich die Besucher*innen auf einen Massagestuhl setzen und eine Imaginationsübung machen. Als ‚weißer‘ Frau wird mir das Band von Alice, einer afroamerikanischen Frau, auf die Kopfhörer zugespielt. Während ich da also liege und gestreichelt werde, um zu entspannen, muss ich hören, wie Alice über ihre Erlebnisse alltäglicher sexueller und rassistischer Übergriffe berichtet. Es schüttelt mich. Gleiches gilt auch für die „Pause“, die man bei der weißen Nurse-Performerin machen kann und die darin besteht, sich eine Lobeshymne auf die weiße Rasse zu Ohren zu führen. „Are you feeling better now?“, fragt sie mich danach freudestrahlend.

In dieser theatralen Modellwelt, in der Weißsein über alles geht, menschenverachtender Rassismus offen ausgelebt und Spieler*innen permanent mit dem N-Wort adressiert werden, wird political incorrectness in exzessivem Maße ausagiert und auf die Spitze getrieben. Die meisten Zuschauer*innen, inklusive mir, wirken sichtbar verstört von der Konsequenz, mit der die Macher*innen hier das wohl dunkelste Kapitel (afro)amerikanischer Geschichte wie Gegenwart in einem an Völkerschauen erinnernden Ausstellungsdispositiv verdichten.

Als auf der Jahrmarktplatzbühne gerade N-Witze unter tosendem Dosengelächter zum Besten gegeben werden, fängt die Miss vom Anfang mich und ein paar andere Gäste ab, um uns zur Attraktion „The incarcerated man“ zu führen. Und so finde ich mich auf einmal zwischen Passant*innen auf der Greenwich Street in Lower Manhatten stehend wieder, wie ich einen afroamerikanischen Performer als Häftling verkleidet „in his natural surrounding“, einer Gefängniszelle hinter einer Fensterscheibe, betrachte. Erinnerungen an die vor ein paar Jahren viel diskutierte Performanceinstallation „Exhibit A/B/C“ des südafrikanischen Künstlers Brett Bailey werden wach. Auch sie zitierte die Form historischer Menschenausstellungen aus der Kolonialzeit, um auf die Kontinuität dieser strukturell bis heute andauernden neokolonialen Machtasymmetrien aufmerksam zu machen.

Welcome to Reality!

Im Gefängnis-Setting hinter der Scheibe liegen neben dem Bettgestell zwei Bücher, „The Post Traumatic Slave Syndrom“ von Joy DeGruy und das zuletzt in den USA viel diskutierte Buch „The New Jim Crow“ von der amerikanischen Bürgerrechtlerin Michelle Alexander. Letzteres vollzieht nach, wie Diskriminierung und Rassismus bis heute – vor allem im Bereich der Justiz, insbesondere bei der Verfolgung von Gewalt- und Drogendelikten – in den USA fortwirken bzw. mit der Regierung Trump derzeit mit verstärkten racial profiling-Praktiken einen Backlash erfahren. Und genau hier setzt die Arbeit „3/Fifth“ an: Die im Themenpark ästhetisch überhöhte Tour de Force durch die Geschichte von Sklaverei, Rassentrennung und systematischer Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung erweist sich gemessen an der US-amerikanischen Gegenwart (Stichwort Black Lives Matter) als eine dystopisch anmutende, aber doch (immer noch?) denkbare Zukunftsvision. So wundert es auch nicht, dass ein im Aussehen und in der Gestik zwischen Uncle Sam und Donald Trump changierender, schmieriger Typ sich uns im Folgenden als Leiter von Supremacy Land vorstellt. Seine Ideologie offen auf den Lippen tragend, will er, dass wir es ihm chorisch nachtun: „We’re no racists. We’re colorblind! We do not possess privileges, because we’re white, but because we worked hard. White women were killed too! All lives matter. Our land will be great again. God bless America!“

Backstage on stage

Für die letzte Stunde dieses nachdrücklich beeindruckenden, immersiven Performance-Parcours nehmen wir nochmal ‚klassische‘ Zuschauer*innenrollen ein, indem wir vor einer Cabaret-Bühne platziert und nach Bedarf mit Popcorn versorgt werden. Was folgt, ist ein Stück über die Arbeit der afroamerikanischen Spieler*innen im Supremacy Land-Themenpark. Protagonist ist „the incarcerated man“, Liol, der zur Abgeltung seiner Gefängnisstrafe als Performer im Park eingesetzt wird. Künstlerisch ist dieses „Stück im Stück“ weit weniger anregend, ist aber mit seinem Ausgang doch entscheidend für den Gesamtabend. Denn Liol schafft es – nachdem ein Performer angesichts des Ausbeutungs- und Unrechtregimes des Supremacy-Land-Führers Selbstmord begehen musste – die anderen zum Widerstand zu mobilisieren. Sie versammeln sich zu einem Zug, der mich an William Kentridges Installation „More sweetly play the dance“ erinnert, aber wesentlich melancholischer daherkommt. Eine afroamerikanische Schauspielerin auf Stelzen stimmt das Finale („The sea brought us here. The sea will bring us home.“) an, das alle afroamerikanischen Spieler*innen gemeinsam singen und viele Zuschauer*innen zu Tränen rührt.

Wahrlich besonders ist für mich die Tatsache, dass die Arbeit bei mir als europäischer, weißer Zuschauerin nicht einfach ‚nur‘ pauschale Schuldgefühle provoziert, die ich dann auszuagieren und zu denen ich mich selbst in ein Verhältnis zu setzen habe (wie das z.B. in der Arbeit „Schuldfabrik“ von Julian Hetzel wirkungsästhetisch verfolgt wird), sondern dass „3/Fifth“ seine Besucher*innen affektiv so einbindet, dass jede weitere Szene adressierter political incorrectness, in die man ‚getrieben‘ wird, weniger einen narzisstischen Blick auf mich und meinen (stellvertretenden) Anteil historischer und aktueller Mitschuld schürt als vielmehr ein unbedingtes Begehren nach anderen Weisen des Zusammenseins auf Augenhöhe, das optimistisch macht und politisch motiviert, weil es – gerade in den USA – zur rechten Zeit am rechten Ort zeigt, wo und wie Zukunft hier unbedingt mitzugestalten ist.