(Deutsch) Performance als Politik: Milo Raus (P)reenactments General Assembly und Sturm auf den Reichstag

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Dass das Theater ein Ort ist, an dem Emotionen und das Politische eine zentrale Rolle spielen, leuchtet leicht ein und ist historisch gesehen keine neue Erkenntnis. Schließlich speisen sich schon zahlreiche griechische Tragödien letztlich aus politischen Konflikten und den damit verbundenen Emotionen – und als Friedrich Schiller in seiner berühmten Rede über „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“ darüber nachdachte, was eine „gute stehende Schaubühne eigentlich wirken“ könne, ging es ihm nicht zuletzt darum, deren Publikum in eine politisch handlungsfähige, aufgeklärte Gesellschaft zu führen.

Aus affekttheoretischer Sicht ist besonders die Frage interessant, wie das Theater dazu beiträgt, durch affektive Relationalität Gruppen zu bilden, zur Solidarisierung Anlass zu geben oder Abgrenzung zu stiften und diese Dynamiken mithilfe von Affektivität bzw. Emotionen anzutreiben. Darunter ist eine wichtige Perspektive die, wie spezifische Emotionen ausgelöst und dann letztlich auch politisch nutzbar gemacht werden können.

Vom 3. bis 5. November 2017 tagte an der Berliner Schaubühne die General Assembly, ein Weltparlament mit 60 Abgeordneten, veranstaltet vom Schweizer Theatermacher Milo Rau und seiner Produktionsgesellschaft, dem International Institute of Political Murder (IIPM). Die General Assembly war angelegt als Vertretung derer, die vom weltweiten Kapitalismus, der Globalisierung und der nationalen Politik missachtet werden, und sollte ihnen eine Stimme geben. Im Sinne eines (P)reenactments nimmt sie damit in der Sphäre des Theaters in utopischer Weise eine Situation vorweg, die in der Sphäre der Weltgesellschaft so (noch) nicht realisiert ist, und übt sie gemeinsam mit den Beteiligten ein. Für Rau ist die General Assembly das Parlament des globalen Dritten Standes und vertritt nicht nur die „99 Percent“, die zu repräsentieren Occupy Wallstreet für sich in Anspruch nimmt, sondern unterstreicht in ihrem Manifest: „100 Prozent sind nicht genug!“ Denn in der General Assembly seien demnach nicht nur „Kriegsopfer, Arbeitsmigrant/innen, Wirtschafts- und Klimaflüchtlinge, die Opfer des sich anbahnenden Ökozids, die Kinder, die Ungeborenen und die Toten der Kolonialgeschichte“ vertreten, die im Bundestag keine Stimme hätten, sondern auch – in der inklusiven Rhetorik eines New Materialism, der das Nicht-Humane aufwertet – „die Bienen der Provence, die Weltmeere und die Cyborgs“.

Auf die Sitzungen des Weltparlaments folgte am 7. November der Sturm auf den Reichstag, in dessen Rahmen eine „Charta für das 21. Jahrhundert“ verlesen werden sollte (was allerdings davon beeinträchtigt wurde, dass die Delegierten sich in den Tagen zuvor nicht endgültig auf eine solche einigen konnten, sodass es bei einem im Vorfeld bereits zirkulierten Entwurf blieb). Dieser Sturm auf den Reichstag wurde dabei als Reenactment des genau 100 Jahre zuvor erfolgten Sturms auf den Winterpalast gerahmt, einem zentralen Ereignis im Rahmen der sozialistischen Oktoberrevolution von 1917. Raus Reenactment fand basierend auf einer fotografischen Aufnahme statt, die gar nicht das revolutionäre Ereignis selbst abbildet, sondern bereits ebenfalls ein Reenactment des Originals dokumentiert, das 1920 von dem russischen Theatermacher Nikolaj Evreinov inszeniert wurde – eine vertrackte Situation der Wiederholung einer Wiederholung, die Raus Aktion in einem fiktionalen Möglichkeitsraum verortet, wo Utopie, Geschichte und gegenwärtiger Aktionismus bzw. Aktivismus miteinander verschränkt werden.

Vorbild für Raus “Sturm auf den Reichstag”: Der Sturm auf den Petersburger Winterpalast während der russischen Revolution. Das retuschierte Foto zeigt selbst nicht das (weit weniger beeindruckende) Originalereignis von 1917, sondern ein von Nikolaj Evreinov organisiertes Reenactment mit über 10.000 Statisten und 100.000 Zuschauern von 1920.

Spannend an der Konstellation, die General Assembly und Sturm auf den Reichstag verklammert, ist die dahinter stehende Logik, dass breite Massen durch das Theater zusammengeführt und politisch wirksam gemacht werden können: Das Theater dient hier als Emotionsmaschine, die eine affektive Mobilisierung und eine hiervon ausgehende Gruppenbildung hervorbringen soll – eine Gruppenbildung, die, wie der Anspruch der General Assembly in den mit ihr verbundenen Verlautbarungen zeigt, kaum inklusiver sein könnte – „100 Prozent“ sind eben „nicht genug“. Ein zentraler affektiver Motor in diesem Zusammenhang sind Gefühle der Empörung, die – spätestens seit dem inzwischen berühmt gewordenen und zur Pflichtlektüre in vielen aktuellen sozialen Protestbewegungen avancierten Pamphlet Empört euch! des ehemaligen Résistance-Kämpfers Stéphane Hessel  – als zentrale politische Emotion markiert wird. Die Vorstellung dahinter ist, dass Empörung über die aktuellen Umstände ein Mittel bereitstellt, um eine Mobilisierung für politische Veränderung  zu erreichen – für Hessel und wohl auch für Rau in die Richtung von mehr Freiheit und Demokratie. Das Schüren von Empörung kann ihrer Ansicht nach also dazu dienen, politischen Aktivismus in Gang zu setzen und zu stärken. Indem dafür gesorgt wird, dass sich die ‚mehr als 100 Prozent‘, die die Versammlung vertreten will, ihrer problematischen Lage bewusst werden und sich darüber empören, von der politischen Willensbildung abgekoppelt zu sein, sollen sie  sich politisieren und aktiv werden, um die Umstände in die von der General Assembly vorgegebene und gewissermaßen schon „ausprobierte“ Richtung zu verändern. Das Debattenforum der General Assembly bildet insofern die Vorstufe, in der diejenige affektive Dynamik produziert und ausgelöst werden soll, die dann zur Aktion führt – zum Sturm auf den Reichstag nämlich und damit zur Auseinandersetzung mit der politischen Sphäre, die hier zwar zunächst eher im symbolisch-künstlerischen Bereich einer Reenactment-Performance stattfindet, aber gleichwohl als Auftakt zu einer politischen Veränderung gedacht ist. Nicht zuletzt durch die Einübung der damit verbundenen spezifischen Verhaltensweisen einer Protestkultur, an der eine große Zahl von Freiwilligen beteiligt ist und die dann weitergetragen werden soll in die Gesellschaft. Im Rahmen einer Vorstellung heutiger Gesellschaften als Affective Societies beansprucht das Theater hier eine politische Rolle, die nicht ohne den Zusammenhang von Politik und Affekt zu denken ist.

 

Dieser Beitrag ist Teil der Themenreihe Affekt, Emotionen und das Politische.