(Deutsch) Berliner Futur

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Im Rahmen des Projekts „PARATAXE – die internationalen Literaturszenen Berlins“ fand am 23. November 2018 das Symposium „Berlin POLYLINGUAL – Die translingualen und interkulturellen Autor*innen Berlins“ im Literarischen Colloquium Berlin statt. In drei thematischen Panels diskutierten Autor*innen, Wissenschaftler*innen und Literaturaktivist*innen über „Die Stimmen Berlins“, „Falsche Freunde“ und das „Berliner Futur“. Die Literaturwissenschaftlerin Anne Fleig sprach in ihrer Keynote über mehrsprachige Literaturen in Berlin und ihre mögliche Zukunft – eine Zukunft, die von der Geschichte der Stadt und den Geschichten ihrer Subjekte nicht ablösbar ist. Der folgende Text erschien auf stadtsprachen.de  – wir danken dem Projekt PARATAXE für die Genehmigung zur Zweitveröffentlichung.  

Martin Jankowski hat mich gebeten, über literarische Mehrsprachigkeit und mehrsprachige Literaturen in Berlin nachzudenken und dabei so etwas wie ein Berliner Futur zu entwerfen. Dieser Bitte komme ich sehr gerne nach und danke zugleich vielmals für die Einladung zu diesem wunderbaren Symposium „Berlin POLYLINGUAL“. Ich denke und spreche als Literaturwissenschaftlerin, die sich mit deutschsprachiger Literatur sowie dem Zusammenspiel von Mehrsprachigkeit und Zugehörigkeit, auch und gerade mit Blick auf Berlin, beschäftigt. Wenn ich Mehrsprachigkeit sage, meine ich damit in der Regel literarische Mehrsprachigkeit; zur Diskussion steht in diesem Zusammenhang, inwiefern Literatur immer mehrsprachig ist. Keine Sprache existiert im luftleeren Raum, es gäbe sonst auch keine Literatur.

Das Futur bezeichnet bekanntermaßen eine Zeitform des Zukünftigen, die sich grammatikalisch auf die Konjugation von Verben bezieht – es geht hier also weniger um die Mehrsprachigkeit als vielmehr um das Sprechen selbst, mithin das zukünftige Berliner Sprechen. Das gesprochene Wort ist an seine gesellschaftliche Umgebung gebunden, zeigt sich als Redevielfalt im Alltag und im Schriftverkehr, es kennt verschiedene Sprechgattungen (Bachtin) und bezieht immer schon mehr als eine Sprache ein. Dieser Umstand ist für mein Verständnis von Mehrsprachigkeit wichtig, denn Sprechen und Schreiben sind Teil von ihr, sie sind aufeinander bezogen, stehen in Austausch miteinander und zielen damit auf ein Konzept von Mehrsprachigkeit, das sich auch als Mehrstimmigkeit denken lässt. Mehrsprachige Texte verbinden nicht nur verschiedene Sprachen, sie können die Differenz zwischen Sprechen und Schreiben hörbar machen, sie geben verschiedenen Stimmen Raum und bahnen dadurch Wege durch die Stadt. Dies ist gerade im Falle von Berlin-Literatur besonders hervorzuheben, da die Geschichte der deutschen Teilung nicht nur Spuren im Deutschen hinterlassen hat, sondern auch in der Kenntnis anderer Sprachen und Literaturen. Darüber hinaus hat die Teilung Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und unterschiedlichen Gründen an unterschiedliche Orte in Berlin geführt, was sich in der Stadt bis heute zeigt und entsprechend auch ihre Literatur prägt.

Alltägliches Sprechen ist eng an seine Umgebung gebunden und wird von dieser beeinflusst, dies gilt sowohl für den Berliner Stadtraum oder konkrete Plätze und Gebäude als auch für die verschiedenen Sprachen, die diesen Raum erfüllen. Berlin-Literatur meint Literatur, die Berlin zum Gegenstand hat oder deren Produktion an Berlin gebunden ist. Der Name des Magazins Stadtsprachen hebt diesen Zusammenhang besonders hervor, er verweist auf die Pluralität von Menschen, Sprachen und Zugehörigkeiten im transkulturellen Stadtraum. Doch nicht nur im Berliner Alltag, auch wissenschaftlich setzt sich allmählich die Einsicht durch, dass nicht Einsprachigkeit, sondern Mehrsprachigkeit der historische Normalfall ist. Mehrsprachigkeit ist als Dialog von Sprechen und Schreiben eine kontinuierliche Bewegung, die für die Zukunft offen ist und gerade im literarischen Text immer neue Formen ausprägt. Auch in diesem Sinn ist Schreiben eine Zeitform, eine Zeitform, die auch als Futur nicht von der Vergangenheit gelöst werden kann. In Engel sprechen russisch hat Mitja Vachedin diese Verknüpfung in das Bild von den farbigen Zahnpasta-Schichten gefasst, die das Sprechen begleiten.

Die literaturwissenschaftliche Mehrsprachigkeitsforschung befasst sich sehr stark mit den Normen der Einsprachigkeit und dem sogenannten monolingualen Paradigma, ein Begriff, den Yasemin Yildiz geprägt hat. Er zielt auf die Vorstellung der Muttersprache als eine Art Gabe und ‚natürlichen Besitz‘ eines jeden Menschen, ein Besitz, über den der Autor im Schreiben zugleich verfügt, sodass Muttersprache und Literatursprache eins werden. Dieser Diskurs wird gerade im deutschsprachigen Raum im 19. Jahrhundert besonders wirkmächtig und prägt die Nationalphilologien, aber auch die weitere literarische Öffentlichkeit bis heute. Sprachkompetenz ist daher nicht nur eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Teilhabe an der deutschen Gesellschaft, sie ist auch die Bedingung für die Anerkennung als deutschsprachiger Autor.

In ihrer Büchnerpreisrede hat Terézia Mora erst kürzlich reflektiert, dass es immer noch erwähnt werden muss, dass Sie Ausländerin, also Ausländer und Frau ist, und damit selbstverständliche Teilhabe keineswegs gegeben ist. Auch Tomer Gardi hat sich in seinem Roman broken german mit der Spannung zwischen Einsprachigkeit und Mehrsprachigkeit und deren Konsequenzen für den Literaturbetrieb befasst. Schon der Titel bricht buchstäblich die Vorstellung des natürlichen und reinen Deutsch auf, das im gebrochenen Deutsch ex negativo anklingt. Er übersetzt es ins Englische und macht damit gebrochenes Deutsch zum titelgebenden Geschehen, weist es aber auch der Vergangenheit zu. Ob damit Mehrsprachigkeit als Normalfall gesetzt, ob Englisch als neue lingua franca gefeiert werden soll, oder ob es sich hier um die bewusste Vermischung von Sprachen, vielleicht sogar eine neue Kunstsprache handelt, wäre noch zu diskutieren. In jedem Fall ist der Titel einsprachig, nämlich englisch, und mehrsprachig zugleich, weil sein Kontext deutschsprachig ist und der Titel darauf nicht nur wegen des ‚german‘ Bezug nimmt. Erst durch diese Bezugnahme entfaltet er seine volle, mehrsprachige Wirkung.

Terézia Mora und Tomer Gardi liefern zwei Beispiele für ein Schreiben, das ich im Anschluss an Yildiz als postmonolingual bezeichnen möchte. Dieser Begriff macht deutlich, dass auch mehrsprachiges Schreiben auf die Norm der Einsprachigkeit bezogen ist, in dieser Bezugnahme aber zugleich offen für die Zukunft ist. Das heißt auch, dass wir uns zumal in Berlin nicht ohne weiteres von der nationalen Geschichte lösen können, die in die Sprache und die Wahrnehmung der Stadt eingelagert ist. Jenny Erpenbeck hebt diesen Zusammenhang mit ihrem Titel Gehen, ging, gegangen hervor, der die Formen der Zeit aus verschiedenen Perspektiven von Flucht und Vertreibung durchkonjugiert und damit zum literarischen Dialog im transkulturellen Berlin beiträgt.

Berlin Panorama; Foto: pixabay.com/Thomas Wolter

Berlin Panorama; Foto: pixabay.com/Thomas Wolter

Mit dem Wandel von Migration und Flucht im Zuge der politischen Entwicklungen nach 1989/90 verändert sich die Stadt und wechseln die Sprachen, die in ihr besonders vernehmlich werden. Hat der Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs Berlin nach Osten geöffnet, wie etwa Nellja Veremej postuliert hat, so kamen beispielsweise mit den Flüchtlingen aus Jugoslawien wieder neue Sprachen und neue Geschichten. In diesem Zusammenhang ist die transkulturelle Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus besonders hervorzuheben, denn sie ist heute Teil eines transnationalen Gedächtnisses, das es einerseits erlaubt, rechtsradikale Übergriffe jedweder Art zurückzuweisen, und andererseits Anknüpfungsmöglichkeiten für Exil-Erfahrungen in der aktuellen Literatur von Geflüchteten bietet.

Rückblickend lässt sich auch anhand verschiedener West-Berliner Texte der Migration – zum Beispiel von Aras Ören, Zafer Şenocak oder Emine Sevgi Özdamar – zeigen, dass der historische, soziale und kulturelle Wandel der Stadt und der Wandel der Literatur Hand in Hand gehen. Dabei zeichnen sich etwa bis zur Jahrtausendwende zwei miteinander verschränkte Bewegungen ab: zum einen eine zunehmende Aneignung des Stadtraums, der lange nur vom Kreuzberger Mauerrand perspektiviert wurde, und zum anderen die Aneignung der deutschen Sprache als Literatursprache. Mit der Aneignung der Stadt nach dem Mauerfall geht die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte einher; eine Bewegung von der Peripherie ins Zentrum, die dem neuen Hauptstadt-Charakter Rechnung trägt. Gleichzeitig bleibt dieser Status nicht unhinterfragt, weil die Spannung von Peripherie und Zentrum in Erzählungen von Ausschluss und Teilhabe, Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit wiederkehrt.

In den letzten Jahren haben sich durch neue Fluchtbewegungen auf der einen Seite, aber auch durch die verstärkte Globalisierung, d.h. den Zuzug internationaler Studierender, Künstler oder Start Up-Gründerinnen neue Herausforderungen für das mehrsprachige Berlin ergeben. Sie sind zwar in gewisser Weise die beiden Seiten derselben Medaille, stellen aber erneut die Frage, wer einheimisch, wer zugewandert und was eigentlich ein Berliner ist.

Eine Chronistin dieser Entwicklung ist Terézia Mora, deren Romane nicht nur Geschichten von Flucht und Migration erzählen, sondern dem rapiden gesellschaftlichen Wandel durch eine kontinuierliche Entwicklung ihrer mehrstimmigen Verfahren Rechnung tragen. Dabei zeigt sich in puncto Mehrsprachigkeit eine gegenläufige Bewegung etwa zur Berlin-Istanbul-Trilogie von Emine Sevgi Özdamar. Denn Özdamars Versuch, in Deutschland anzukommen und sich in die deutsche Literaturgeschichte einzuschreiben, geht mit dem literarischen Nachweis von zunehmend ungebrochenem Deutsch einher, der ihre Trilogie zum Bildungsroman macht. Bei Mora zeigt sich dagegen zehn Jahre später, dass sie Mehrsprachigkeit als Teil ihrer persönlichen Geschichte, aber auch als Teil ihrer Romane eher stärker zum Thema macht. Die beiden ersten Bücher der Darius Kopp-Trilogie sind sogar explizit mehrsprachig, beide reflektieren dabei auch auf Hierarchien zwischen Sprachen, einmal bezogen auf die Bedeutung des selbstverständlich vorausgesetzten Business-Englisch für den Ostdeutschen Darius, zum anderen bezogen auf die Hierarchie zwischen Deutsch und Ungarisch, die in das Das Ungeheuer sogar durch einen schwarzen Strich markiert wird. Dass Mora gerade den Georg-Büchner-Preis erhalten hat, bestätigt nicht nur ihr mehrstimmiges Verfahren, sondern öffnet auch den einsprachigen Horizont des deutschen Literaturbetriebs.

Gleichzeitig ist Mora ein gutes Beispiel dafür, dass es künftig nicht darum gehen kann, Mehrsprachigkeit zu idealisieren oder Konzepte von Einsprachigkeit und Mehrsprachigkeit einander einfach gegenüberzustellen. Ihre Texte zeigen deutlich, dass mehr Sprachen keineswegs zu mehr Verständigung beitragen. Zudem gibt es sehr unterschiedliche Gründe und Motivationen für Verfahren des Sprachwechsels oder der Sprachmischung, die existentiell so schwerwiegend sein können, dass sich ein ‚Lob der Mehrsprachigkeit‘ von selbst verbietet. Dies gilt für die Erfahrung des Exils, dies gilt aber ebenso für die vielen anderen, nicht zuletzt sozialen Gründe, die Spracherwerb oder normierten, ‚richtigen‘ Sprachgebrauch verhindern. So wie es nicht darum geht, Mehrsprachigkeit an sich zu bevorzugen, kann es auch nicht darum gehen, Einsprachigkeit oder sprachliche Normen einfach abzulehnen, denn diese gehen der spielerischen Variation und literarischen Reflexion immer schon voraus. Normen wirken keineswegs nur ausschließend, sie schaffen allererst die Grundlagen für gleichberechtigtes, demokratisches Miteinander.

Wie sieht nun zukünftiges Berliner Sprechen und Schreiben aus? Wie klingt es? Wie zeigt  sich darin Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit? Wenn ich nun versuche, Trends für die zukünftige Entwicklung mehrstimmigen, postmonolingualen Schreibens in Berlin zu bestimmen, würde ich sagen, dass drei Faktoren ausschlaggebend sind: (1) zuerst ist sicherlich der weitere Einfluss verschiedener Sprachen auf das alltägliche Sprechen und dann das Schreiben zu nennen; dabei ist es von Bedeutung, welche Sprachen das sind, was sie historisch und literarisch im Gepäck haben und warum sie nach Berlin gekommen sind. (2) Zudem ist es wichtig, wie Berlin durch die Brillen anderer Orte und anderer Städte wahrgenommen wird. Es ist kein Zufall, dass viele Berlin-Romane auch als Romane über Istanbul, Baku oder St. Petersburg gelesen werden können. Sie tragen in hohem Maße dazu bei, Berlin zu verorten. Für das polylinguale Berlin ist es nicht unerheblich, ob es als deutsche, als europäische, als globale, als westliche oder womöglich als östliche Stadt erscheint. (3) Und schließlich drittens: Berlin-Literatur ist nicht an die deutsche Sprache gebunden. Es gibt schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts Texte über Berlin, die am literarischen Berlin mitschreiben und die heute ebenfalls Teil eines kulturellen Gedächtnisses sind, das nicht allein national gedacht werden kann. Dies gilt auch für konkrete Orte, z.B. das russische Charlottenburg, das heute wieder eine Bezugsgröße für Zugehörigkeit bildet. Zu denken ist beispielsweise aber auch an die Berlin-Texte von Aras Ören, die auf Türkisch geschrieben sind.

Ich denke daher nicht, dass ein unterschiedsloser Sprachmix das Berliner Futur bestimmt, sondern dass Mehrstimmigkeit als Verfahren die Pluralität des Berliner Lebens darstellen und reflektieren kann. Diese Pluralität gilt es anzuerkennen, auch als plurales Miteinander von Sprachen und ganz unterschiedlichen persönlichen Geschichten. Mehrsprachigkeit hat viele Gesichter. Insofern lautet die wichtigste Frage, wer die Subjekte des zukünftigen Berliner Sprechens sind. Denn nur die Verben machen keinen Satz.

Dieser Text wurde als Keynote am 23. November 2018 auf dem PARATAXE Symposium IV BERLIN POLYLINGUAL im Literarischen Colloquium Berlin vorgetragen, das durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert wurde. (c) Parataxe/stadtsprachen 2018