Trump und der Sexismus – Für eine neue Politik der Solidarisierung

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Michael Vadon, CC-BY-SA 4.0,https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42904291

© Michael Vadon, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42904291

Dezember 2016.[1]

In den ersten Wochen nach der Wahl von Donald Trump am 8. November 2016 stand die aufgeschreckte Öffentlichkeit vor zwei großen Fragen: Erstens, wie konnte das passieren? Diese Frage lief oft darauf hinaus: Welchen Beitrag haben Onlinemedien wie Facebook, das Phänomen der Falschnachrichten und der Filterblasen, Big Data-gestütztes Marketing oder die russischen Geheimdienste dazu geleistet? Und zweitens: Was wird nun passieren? Was für Positionen wird Trumps Regierung vertreten, wie wird sie personell besetzt werden, welche Konsequenzen ergeben sich für die EU, die NATO, die internationalen Handelsbeziehungen etc.? Ich möchte hier einmal eine andere Frage stellen, die in der Debatte – auch vieler linkerpolitischer Gruppen und Kreise – vielleicht zu zögerlich aufgenommen wird: Wie und auf wen wirkt Trump eigentlich attraktiv? Wie funktioniert diese Attraktion, die so viele ihn hat wählen lassen? Und was für Konsequenzen ergeben sich daraus für eine politische Praxis jenseits des rechten Spektrums – auch in Europa und in Deutschland?

Viel wurde über die sachliche Inkompetenz des Milliardärs Donald Trump geschrieben, über seine Vagheit und Wankelmütigkeit in konkreten politischen Fragen. Mit fassungslosem Kopfschütteln, aber zugleich in genüsslicher Sensationslust, wurde er von zahlreichen Medienbeiträgen als wichtigtuerisch, aufbrausend, rassistisch und sexistisch beschrieben. Die Mehrheit der Kommentator*innen war sich noch wenige Stunden vor der Wahl darüber einig: dieser Mensch fällt charakterlich wie fachlich komplett durch. Man kann sagen, Trump wurde als politisch agierendes Individuum kaum ernst genommen – man hat ihn vielmehr als das Andere der Politik, als eine Un-Politik beschrieben. Wenn ihn einige Menschen wählen, so wurde erklärt, dann höchstens aus Protest und als Stimmungsmache gegen das „Establishment“, also aus negativen Antrieben wie Ressentiment und Unzufriedenheit, die mit den leicht nennbaren aber nur für wenige aus der media bubble heraus wirklich nachvollziehbaren Positionen der „Abgehängtheit“ und „Abwärtsmobilität“ korrelieren.[2]

Demgegenüber möchte ich explorativ eine umgekehrte These vorschlagen und auswerten: Donald Trump ist charakterlich nicht etwa ungeeignet, sondern wurde gerade wegen seines Charakters gewählt – und zwar nach einem Mechanismus, der nicht auf Protest reduzierbar ist, sondern seine eigene (positive) Rationalität besitzt. Was Trump Sympathien verschaffte, war sein polternd-autokratisches Temperament. Jedoch nicht an sich, sondern insofern es immer wieder in seinen riskanten Weigerungen zum Ausdruck kam, sich auf einen Diskurs präziser politischer Sachaussagen überhaupt einzulassen. Dem Kopfschütteln der Kommentator*innen zum Trotz ist das kein bug, sondern ein fatales feature: Trump hat sich in authentischer und kohärenter Weise den Konventionen des politischen Apparats entzogen und ist damit als „charakterstark“ erschienen – von der Weigerung, seine Steuererklärung detailliert offenzulegen, bis zum rhetorischen Herumgepolter in den TV-Debatten.

An die Stelle des „Yes, we can!“ Obamas ist mit Trump ein martialisches Yes, I can! gerückt. Was sagt es über die Zeit, in der wir leben, dass das eine resonanzfähige Haltung ist? Zu bedenken ist dabei: In Trump zeigt sich zwar der Habitus einer autoritären, privilegierten, chauvinistischen Männerfigur, doch die Sache ist komplexer. Denn in vielen Situationen schien er mit dieser Strategie zu scheitern, wie etwa in den TV-Duellen, nach denen seine Kampagne schon fast als verloren beschrieben wurde. Gerade diese Momente, die ihn als „verletzlich“ erscheinen ließen, haben paradoxerweise noch weiter zu einer authentischen Wahrnehmung seines Charakters und seines „Kampfes“ gegen das „Establishment“ beigetragen.

Der Wahlerfolg Trumps kann deshalb zum Anlass für eine warnende Zeitdiagnose genommen werden: Jenseits des Tableaus politischer Sachpositionen und Argumentationsweisen, auf dem die Leitmedien und politische Meinungsträger*innen den unkalkulierbaren Trump nie so richtig zu fassen bekamen und auch nicht ernst nahmen, wird gegenwärtig in zahlreichen westlichen Demokratien eine ganz andere Dimension des politischen Wirkens bedeutsam. Was wirkt, ist nicht das Sachargument, sondern Trumps spezifisches êthos – seine Haltung –, mit dem er sich bis zuletzt den politischen Formen und Mikroprotokollen, dem agonistischen Spiel argumentativer Wortgefechte verweigert hat.[3] Disrespekt und das Performativ des gestreckten Mittelfingers in Richtung von allem was schlau und um die Sache bemüht daher kommt, ist das Prinzip dieser Haltung. In dieser Dimension des Wirkens ist Trump tatsächlich erschreckend kohärent, authentisch und gar nicht wankelmütig. Meine These ist, dass seine Attraktivität für viele Wähler*innen gerade auf dieser Achse liegt.

Fatale Identifizierung

Wie nun funktioniert diese Attraktion, die auf Trumps Haltung zum Politbetrieb beruht? Ein offener Blick auf diese Frage ist wichtig, weil sie sich in den Kategorien des gängigen Polit- und Mediendiskurses kaum fassen lässt, ohne dabei sofort in ein pejoratives und wertendes Vokabular zu fallen. Es kommt darauf an, die Wahlmotivation der Trump-Wähler*innen nicht einfach von oben herab mit Unbildung oder Protestverhalten abzutun, denn solche Aussagen diskreditieren die Betroffenen als trotzig, dumm, affektiv getrieben im (vermeintlichen) Gegensatz zu „rational“. Protestwahlverhalten als Erklärung ist die Zuschreibung eines negativen, unreifen Verweigerungsverhaltens. Diese Zuschreibung erfolgt von außen und dient weniger dem Verständnis des anderen als der Reproduktion der eigenen Überlegenheit. Zu fragen wäre deshalb, worin besteht eine mutmaßlich positive Bindung von WählerInnen an den Kandidaten? Bietet Trump so etwas wie eine Identifikationsfläche?

Meine These ist: den Stoff für eine solche Identifizierung bilden gerade die Diskreditierungen und Demütigungen, die Trump im Laufe seiner Kampagne seitens des Politbetriebs und der Meinungsmedien widerfahren sind. Wenn Trump nicht ernst genommen wurde, wenn z.B. ein Diskurs à la „Trump hat ein Sprachniveau wie ein Fünftklässler“[4] über ihn geführt wurde, dann haben diese Aussagen viel weniger Trump selbst geschadet, als dass sie vielleicht für zahlreiche Wähler*innen einen Spiegel der am eigenen Leibe erfahrenen gesellschaftlichen Demütigung lieferten. Ich bezeichne diese Figur fortan als fatale Identifizierung. Sie ist fatal, da es sich um eine Identifizierung in einer unangenehmen Gewalterfahrung, in Scham, in einem Modus der politischen Ächtung handelt. Sie macht einen wichtigen, aber vielleicht zu wenig beachteten (Teil-)Mechanismus sichtbar, der zum Erfolg der Trump-Kampagne beigetragen hat. Denn die Identifizierung in der Demütigung erfolgt direkt und nicht gemäß einem Protestprinzip: Nicht ‚Ich bin dagegen, also wähle ich den, der auch dagegen ist und die anderen am meisten ärgern wird‘. Sondern eine am eigenen Leib erfahrene, nicht einmal notwendigerweise bewusst reflektierte Demütigung, Verunsicherung oder sozioökonomische Gewalt ist direkt resonanzfähig mit der Art und Weise, wie Trump medial denunziert wurde. Und tragischerweise ist dieses autoritäre und impulsive, sachlich nicht ernstnehmbare, teilweise verletzliche und deshalb authentisch wirkende Erscheinungsbild Trumps in vielen Hinsichten ein Produkt von mehr dramatisierenden als sachlich diskutierenden medialen Debatten.

Für diesen Mechanismus einer fatalen Identifizierung ist Trump zusätzlich auch deshalb eine passende Figur, weil die Selbstdarstellung seines eigenen vermeintlichen Lebenserfolgs ihm Respektabilität verleiht. Es geht der Mythos um, er habe aus wenigen Millionen, die ihm vererbt worden seien, mehrere Milliarden gemacht. Dieses Narrativ präsentiert gezielt eine Verkörperung des amerikanischen Traums, denn ob man dabei mit zehn Dollar oder einer Million beginnt, erscheint bloß als eine Frage der Skalierung. Ob diese Geschichte nun stimmt oder eher dem Genre der Falschmeldungen und Echokammergesänge entspringt, ist nicht die primär spannende Frage. Vielmehr ist die Tatsache auszuwerten, dass es trotz aller Gegendarstellungen geklappt hat, dieses Bild zu verbreiten: Anstatt dass ihn seine Herkunft aus der Kapitalelite suspekt erscheinen lässt, gibt sie ihm paradoxerweise gerade die Glaubwürdigkeit, als Quereinsteiger im politischen Apparat und qua selbstsuffizientem Reichtum von den Seilschaften der verhassten politischen Eliten unabhängig zu sein.

In Trump zeigt sich eine dringend zu bedenkende Wirkungsdimension politischer Ansprache, die darauf beruht, aus dem politischen Apparat selbst herauszuweisen: Er ist kein Berufspolitiker, gerade das macht ihn glaubwürdig. Der offensichtliche und alarmierende Befund, dass mit Trump ein backlash zur Attraktivität autoritärer Figuren des Regierens sichtbar wird, kann damit um die wichtige Differenzierung zweier Typen autoritärer Figuren bereichert werden: In der Diskussion um das Ressentiment gegen das Establishment kennzeichnet sich eine Polarisierung zwischen einer scheinbar ‚unverdienten‘, angestammten oder im Milieu ererbten Macht politischer Eliten im Gegensatz zu der (vermeintlich) selbst errungenen, auf Leistung beruhenden und subjektiv deshalb als gerechtfertigt erscheinenden Autorität von Personen, die als Quereinsteiger in den politischen Apparat einwirken.

Jede aus Trumps Außenposition abgeleitete Diagnose von sachlicher Inkompetenz oder Ignoranz in Bezug darauf, wie Politik funktioniert, wirkt unter den Voraussetzungen dieses Spannungsfeldes wie die verzweifelte Selbstverteidigung eines Milieus, dessen wunder Punkt getroffen wurde. Sie gießt tragischerweise noch mehr Wasser auf die Mühlen der massenmedialen Konstitution von Trump als Figur fataler Identifizierung. Analysen, die davon ausgehen, die meisten Trump-Wähler*innen hätten gegen ihre eigenen Interessen gestimmt, und dann fragen: ‚Wie kann es sein, dass sie sich derart ‚verführen‘ ließen?‘, verpassen es, die auf êthos, Haltung und ‚Charakter‘ zielende (‚ethologische‘) Dimension des Wahlverhaltens zu bedenken. Anstatt Wähler*innengruppen vorzurechnen, was ihre Interessen und – daraus abgeleitet – ihr rationales Wahlverhalten sind, würde eine diskutierenswerte umgekehrte Analysestrategie erkennen: Vielleicht zeigt der Wahlerfolg Trumps gerade, dass sich das prioritäre Interesse einiger Wähler*innen (leider!) vielmehr darauf richtet, ‚einen Typen wie Trump‘ an der Spitze ihrer Regierung zu sehen.

In einem zweiten Teil dieses Essays wird der Autor den Blick von Trump und seinen WählerInnen auf das eigene Umfeld wenden. Er wird die Frage stellen, wie eine Politik jenseits des rechten Spektrums jene Menschen erreichen kann, für die sozioökonomische Demütigungserfahrungen prägend sind.

 


1 Dieser Essay ist in bearbeiteter Form zuerst in zwei Teilen erschienen in Berliner Gazette, 20.01./10.02.2017.

2 Vgl. George Packer, Hillary Clinton and the Populist Revolt, in: „The New Yorker“, 31.10.2016.

3 Der Begriff der Haltung (hier auch: ethos) impliziert zunächst keine ethische oder moralische Wertung oder Affirmation. Er möchte die Art und Weise thematisierbar machen, wie sich Trump in einem medialen und politischen Geschehen als Individuum, als Subjekt, als politischer „Charakter“ produziert, gehalten, verhalten hat. Dabei kommt es darauf an, dass dieser Aspekt der Haltung jenseits des Registers politischer Sachpositionen und Argumente liegt und dennoch eine politische Wirksamkeit besitzt.