(Deutsch) A Lesson in Taking part in Decision-making

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Durchnummerierte Zuschauer*innenplätze für das Abstimmungsspiel “Pending Vote” in der Schaubühne Berlin, ©TS

„Are you able to make decisions and to carry them out?“, fragt mich „das System“ via Projektion von weißen Lettern auf den großen schwarzen Screen auf der Bühne des in die Schaubühne eingelassenen Globe Theatre. Mit dem am Einlass erhaltenen Abstimmungsgerät (Ich bin Nummer 9) habe ich nun folgende Wahlmöglichkeiten: „yes“, „no“ oder „abstention“. Nach einem Countdown von 30 Sekunden, der der Entscheidungsfindung ihren zeitlichen Rahmen gibt (Ich wähle „yes“), erscheint sogleich das Abstimmungsergebnis: 82 für ja, 22 für nein und 8 Enthaltungen. Ferner sieht man den nummerierten Saalplan mit je nach Entscheidung eingefärbten Sitzen, sodass nicht nur die eigene, sondern auch die Entscheidungen der Anderen unmittelbar transparent gemacht werden. Gemeinsam mit 111 Zuschauer*innen nehme ich an der Produktion „Pendiente de voto/Pending vote“ des in Barcelona geborenen Künstlers Roger Bernat teil. Nachdem die viel gelobte Produktion aus dem Jahr 2011 quer durch Europa und die Welt gereist ist, machte sie am vergangenen Wochenende (8./9. April 2017) im Rahmen des Themenschwerpunkts „Demokratie und Tragödie“ beim diesjährigen Festival für internationale Dramatik (FIND) an der Schaubühne in Berlin Halt.

Ja oder nein?

Formal ist das „Stück“ irgendwo zwischen game theatre und theatraler Simulation zu verorten. Auf der einen Seite gibt es das „System“, das über Spielregeln, Fristen, Daten und Inhalte wacht, und auf der anderen Seite die Zuschauer*innen als die eigentlichen Akteure des Abends – denn ohne ihre Beteiligung durch Abstimmung gibt es weder Ergebnisse noch Folgefragen. Das Publikum ist also aufgerufen, in drei Etappen mit dem System in Interaktion zu treten. Im ersten Teil gilt es, einzeln abzustimmen und zu beobachten, ob man sich eher auf Seiten der Mehrheit oder der Minderheit befindet. Während es zunächst noch um Klärung der Modalitäten der Veranstaltung geht („Is smoking allowed?“ – 56 no; „Are mobile phones allowed?“ – 81 yes; „Do you want fixed rules?“ – 62 yes) und die leeren Stühle auf der Bühne mit den Funktionsangaben „Chairperson“, „Court“ und „Security“ mit Menschen aus dem Publikum besetzt werden, kreisen die folgenden Abstimmungsinhalte um Fragen des politischen Gemeinwesens und sozialen Miteinanders: „Do you support uniforms in schools?“ (87 no, 19 yes); „Should the Berlin airport (BER) construction being stopped?“ (59 no, 32 yes); Should public lights being switched off by night due to power saving reasons?“ (69 no, 35 yes); „Should Germany pay war depts back to Greece?“ (66 yes, 17 no); „Are you progressive or conservative? (90 progressive, 4 conservative). Das einsetzende Unbehagen über die eingeschränkten Wahloptionen fängt das System auf, indem es selbstreferentiell wissen möchte: „Is a system fair that only allows yes and no?“ (67 no, 31 yes.) Um (zunächst) nicht länger darüber nachdenken zu müssen, wird die Theatermaschine in Betrieb genommen: Von oben rieselt hübsch angeleuchteteter Kunstschnee herab, Popmusik wird eingespielt. Wasser und Obst stehen für die Pausendauer zur Verköstigung bereit.

Komplexitäten systemisch herunterbrechen

Im zweiten Teil finde ich mich auf einem anderen zugeteilten Platz neben Katerina, einer jungen Griechin, wieder. Das System teilt uns via Screen mit, dass wir beide häufig identisch abgestimmt haben und wir deshalb nun im Doppel wählen sollen. Das gleiche gilt für die anderen 53 Paare im Raum. Mit zunehmender Komplexität der Fragen, gibt uns das System mehr Zeit zum Debattieren. So steuert das Theaterereignis vom Game in die Richtung einer zeitgenössischen Adaption des Forumtheaters Boal’scher Provenienz, in dem es nicht zuletzt um die Aktivierung des Zuschauers als politisch handelndes Subjekt geht. Mit großer Emphase wirft sich das ‚Publikum‘, das sich zu 60% aus jungen Teilnehmer*innen des FINDplus-Programms zusammensetzt, in die Debatten um aktuelle politische Sujets wie die Einrichtung von Unisextoiletten, die Abschaffung von Prostitution oder die Frage, ob Beschneidungen von der Krankenkasse gezahlt werden sollten. Stets wird rasch ein Konsens gefunden – das Spiel muss ja weitergehen. Nach etwa 20 Minuten zwar aktiven, aber unbefriedigenden Debattierens, übernimmt wieder „das System“ die Macht, indem es – eingeleitet durch die Abstimmung über musikalische Präferenzen (Amy Winehouse oder Billie Holiday? Velvet Underground oder Led Zeppelin?), wonach stets ein Song der mehrheitlich gewählten Musiker*innen gespielt wird – einlädt, für eine Weile immer nur noch das Gegenteil von dem, was man eigentlich will, zu wählen.

Revolution des linken Blocks

Im dritten und letzten Teil werde ich abermals neu positioniert. Jetzt gibt es vier ‚Parteien‘. Auf der Basis meines bisherigen Abstimmungsverhaltens hat mich das System der Partei Mitte-Links zugeordnet, für welche jetzt stellvertretend nur noch ein (gleichfalls vom System ausgewählter) Sprecher abstimmen darf. Diesmal wird u.a. zu Themen wie der Legalisierung von Drogen oder zur Frage nach dem Grad der Bürger*innenbeteiligung bei der Mitbestimmung über lokale, öffentlich finanzierte Bauvorhaben in der Nachbarschaft debattiert. Es offenbart sich, wer sich weiterhin an vorderster argumentativer Front engagiert und wer sich – sei es aus Ermüdungserscheinungen, Desinteresse oder Mitläufertum – in den Modus stiller Anwesenheit zurückzieht. Gleichzeitig wächst der Groll gegenüber der schroffen Zeitpolitik des Systems sowie der Ärger über die Struktur der Fragen, die eben um politisch wirksam zu sein gerade nicht mit einem zügigen ja oder nein oder gar einer Enthaltung abgetan werden dürften.

Und so kommt, was kommen musste: eine junge Frau (passenderweise aus dem linken Flügel) steht auf, greift sich ein Mikrophon und fordert uns, das fiktive Parlament, dazu auf, das System zu boykottieren. Es verführe uns, Entscheidungen zu treffen, die partout nicht zu entscheiden seien. Der Sprecher unseres Blocks kontert, dass es doch viel produktiver sei, weiter abzustimmen, aber jeweils Verbesserungsvorschläge an die Entscheidungen zu binden. Aber da ist es schon zu spät. Die Lust am Aufbegehren ist gesät – sei es aus inhaltlicher Überzeugung, sei es, um ein bestimmtes Selbstbild von political correctness zu performen oder sei es schlicht aus pragmatischer Renitenz gegen ein durchschaubar gewordenes Spielprinzip. Also macht einer den Anfang, skandiert laut auf Deutsch in Richtung Regieloge „Wir machen da nicht mehr mit!“ und macht sich auf dem Weg zum Ausgang. Etwa 30 Personen folgen ihm.

Power to the Audience?

Wiederum weiß das System die Situation des allgemeinen Wirrwarrs im Saal zu nutzen und überträgt stante pede einer Mitte-Rechts-Akteurin die komplette Entscheidungsgewalt. „Encouraging the minority was your decision, wasn’t it?“, fragt es noch rhetorisch-kokett in die Menge aufgeheizter Gemüter. Von der direkten Demokratie zur Diktatur in 145 Minuten. Als Teil eines Systems, das unsere Freiheit, unsere freie Wahl zwar propagierte, aber gleichzeitig jede Entscheidungsfindung regulierte und orchestrierte, gehen wir als strukturelle Verlierer*innen hervor. Die Frage „Is this pending vote or the friendly face of fascism?“ geht unter, weil die jungen Revolutionäre zurückkommen, den Lichtstrahl des Beamers verdecken und das letzte, sich noch im Einsatz befindliche Abstimmungsgerät entwenden, um das System zu Fall zu bringen. Dann ertönt zum ersten Mal die „Stimme“ des Systems, eine computergenerierte, verzerrte Stimme, die eine Variation des John-Lennon-Songs „Power to the People“ zum Besten gibt. Und man darf sich fragen, welche Macht in diesem spielerischen Demokratie-Modell en miniature wirklich in den Händen der abstimmenden Menschen lag.

Bei der Gruppe der Zuschauer*innen, die in der Aufführung gegen das System aufbegehrt haben, spüre ich eine Art subtilen Stolz und eine implizite Überzeugung, durch den Akt der Rebellion ‚das einzig Richtige‘ getan zu haben. So bekommt die Aktivierung und vermeintliche Emanzipation der Zuschauenden in dieser Aufführung von „Pending vote“ etwas merkwürdig Selbstgefälliges. Es ist ein Gestus, den ich bei Zuschauer*innen gegenwärtiger, immersiver Theaterformate immer häufiger beobachten kann und der sich in den Aufführungen dort zeigt, wo sich Zuschauer*innensubjekte ihre eigenen, kleinen Bühnen der  Selbstdarstellung und Wertebehauptung bauen und damit ihrerseits auf das Publikum einwirken. In dieser „Pending vote“-Vorstellung münden die positive Ausstrahlung, die Energie, die Offenheit und die Emphase zu einer Veränderung zum Besseren, die von der Aufführung angeregt und von einer Zuschauergruppe im Modus des theatralen Widerstands ausagiert werden, in eine leere Pose moralischer Überlegenheit (gegenüber der im Saal sitzen gebliebenen und gleichfalls kritisch über das System reflektierenden Menschen) und damit in einer Positionierung, die dem Schwarz/Weiß- und Ja/Nein-Denken, welches Bernat durch sein intelligentes Spielsystem zum Gegenstand der Kritik im Feld des Politischen macht, frappierend nahesteht.