(Deutsch) Two Lessons in Sensing

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Als regelmäßige Besucherin partizipativer und immersiver Performances habe ich über die Jahre vor allem eines gelernt: mich (mit allen Sinnen) einzulassen. Sei der Raum noch so beengend, der Duft noch so beißend, der Klang noch so nervenaufreibend, eine Begegnung noch so verstörend oder ein Handlungsauftrag noch so überfordernd – es kann etwas heilsames haben, ein jedes Mal an sich selbst zu beobachten, wie man Vorurteile, Ängste oder Ressentiments beiseite schiebt, um sich auf die gestalteten Erfahrungsräume so vorbehaltslos wie möglich einzulassen. Die Bereitschaft und das Vertrauen, Unbekanntem offen zu begegnen, bilden gewissermaßen die notwendigen Voraussetzungen für den Besuch von immersive theatre-Produktionen.

Diese Offenheit zu trainieren oder für sich selbst als Gabe zu entdecken, muss nicht vorschnell als Form neoliberaler Selbstoptimierung diskreditiert werden. Auch wenn immersive theatre diesbezüglich häufig ins Visier der Kritik gerät (u.a. bei Adam Alston), gibt es durchaus auch die Möglichkeit, diese Prozesse als von der Kunst ermöglichte Strategie potentieller Horizonterweiterung wertzuschätzen.

Towards an “aesthetic mode of being”

„What senses are you aware of using in your everyday life?”, „What is your mode of being right now?” Nach dem Online-Ticketerwerb für die Workshop-Performance „Sensuous Governing“ von Sister’s Hope beim diesjährigen Copenhagen Stage Festival erhalte ich per Mail eine Einladung, die mir u.a. diese beiden Fragen zur Vorbereitung empfiehlt. Darüber hinaus bekomme ich die Kleiderordnung (schwarz-weiß mit elegantem Schuhwerk) und den genauen Treffpunkt mitgeteilt. Hinter der namengebenden „Schwester“ steckt das „poetische Selbst“ der Gründerin und Performancemacherin Gry Worre Hallberg. Seit 2007 verfolgt sie das Konzept einer „Sensuous Society“, welches an der Schnittstelle von Kunst, Pädagogik und Aktivismus in Formaten der „Sister’s Academy“ kollaborativ (weiter)entwickelt wird. Im Mittelpunkt steht die Idee, eine nachhaltige und zukunftsfähige Gesellschaft zu imaginieren, in der jene Sinne, die kulturgeschichtlich mit der Durchsetzung der Aufklärung und des Rationalismus im Hinblick auf Wissens- und Erkenntniserwerb in den Hintergrund gerückt worden sind, – das Fühlen, Schmecken und Riechen – auf eine neue Art und Weise priorisiert werden. In verschiedenen Workshops erprobt Gry mit ihrem Kernteam und wechselnden Performer*innen einen „aesthetic mode of being and of being together“. Letzterer sieht vor, dass sich jede*r Teilnehmende sein eigenes „poetisches Selbst“ entwirft, welches zum Akteur im kollektiven Prozess des Imaginierens, Kreierens und Entwerfens einer zukünftigen – im Rancière’schen Sinne – anderen „Aufteilung des Sinnlichen“ wird.

Während es 2015 bei der 24-stündigen Performanceinstallation „The Boarding School“ darum ging, mit neuen Modi des „Sensuous Learning“ für die Gesellschaft to come zu experimentieren – nicht zuletzt, um Normen und Regeln bestehender Bildungsinstitutionen in Frage zu stellen – , widmet sich Sister’s Hope nun der Exploration von Techniken des „Sensuous Governing“. Der Workshop, an dem ich im Rahmen des Copenhagen Stage Festivals teilnahm, markiert hierfür den Anfang; er ist Auftakt für die nächste 24-stündige Performanceinstallation „Sensuous City“.

Sister’s Hope: “Sensuous Governing”/”Sensuous City”, © I diana lindhardt

Exploring the building, laying a new foundation

Vor dem Hintereingang des Kopenhagener Rathauses stehen zwei junge Frauen in schwarzen langen Röcken, weißen Blusen und weißem Tüll über dem Kopf. Im Universum von Sister’s Hope sind sie die sogenannten „Evoker“. Je einzeln bitten sie nacheinander die wartenden Gäste zu sich. Gegen Vorlage der Einladung nimmt die Performerin meine Tasche, Jacke und Smartphone entgegen und verbindet mir im Gegenzug die Augen mit einer schwarzen Augenbinde. Wie schon in einigen Arbeiten von Lundahl & Seitl oder während eines Stadtspaziergangs von Myriam Lefkowitz finde ich mich im Zustand absoluter Hilflosigkeit wieder. Denn als visueller Kopf- und Kontrollmensch gehört der Vorgang, mich meines Sehsinnes temporär zu berauben, zu den unangenehmsten Situationen, denen man mich aussetzen kann. Dennoch versuche ich mich einzulassen, darauf, dass wechselnde Hände mich begleitet von meditativ-sanftem Summen für die Dauer von ca. neunzig Minuten durch das Gebäude führen. Viele, viele Treppen werden auf- und abgestiegen, Hände gewaschen, Mauerwerk und Holzmaserungen ertastet, der Klang des alltäglichen Treibens der Angestellten vernommen und auch ein enger, muffiger und knarzender Fahrstuhl benutzt. Nach und nach spüre ich, wie wach die Sinne werden: wie genau ich höre, taste und rieche, wie ich beginne, mir das Gebäude entlang dieser Sinneswahrnehmungen vorzustellen.

Der begleitete Gang durch den Regierungsbau endet im Keller, in einer Art Krypta, die genau unterhalb des Rathausturms gelegen ist. Hier – am räumlich-konkreten wie symbolischen – Grundstein und Herzstück des Regierungsgebäudes sitzt Gry Worre Hallberg ganz in rot gekleidet und führt uns für weitere sechzig Minuten durch verschiedene Meditations- und Imaginationsübungen. Damit wir gemeinsam einen neuen Grundstein, ein neues Fundament legen, sei es in Form utopischer Gedanken, sei es durch die Aktivierung unseres „poetischen Selbst“. Zwischen uns zehn Teilnehmer*innen liegen die zwölf Evoker-Performer*innen auf dem Boden und teilen Konzentration und Raumerfahrung mit uns. Wie sieht eine „Sensuous City“ aus? Von wem wird diese Stadt der Zukunft wie regiert? Wie würden wir uns dort fühlen, uns bewegen, mit anderen verbinden?

Bei aller Sinnhaftigkeit und gesellschaftspolitischen Relevanz des Konzepts frage ich mich jedoch, ob Übungen, die so explizit den Geist und die menschliche Imaginationsfähigkeit herausfordern, die zuerst durchgeführte Reaktivierung multisensorischen Spürens nicht wieder ein Stück weit rückgängig machen? Müssten die Ideen nicht konsequenterweise auch multisensorisch entfaltet und gerade nicht nur mittels verschriftlichter Sprache einander mitgeteilt werden? Wie sich das „Poetische“ zu einer Neu-Priorisierung der Sinne verhält und als praktisches Tool vermag, gerade nicht die klassische Gegenüberstellung von Geist versus Körper zu reaktivieren, sondern einem ganzheitlicheren Modus des In-der-Welt-Seins Geltung zu verschaffen, wird man in weiteren Formaten erspüren und erproben müssen.

Die Tatsache, dass die Wahrnehmung der Gemeinschaft der „Sisters“ – wie auch die fiktiven Gemeinschaften des dänischen Kollektivs SIGNA, zu dem Gry einige Jahre gehörte – zuweilen durchaus ins Dystopische abdriften kann (seien es Sektenassoziationen oder ästhetische Reminiszenzen an die Handmaid’s Tale-Verfilmung), ist dabei durchaus gewollt und markiert spürbar hellsichtig, dass die „Sensuous Society“ ein offener Prozess ist. Jede*r einzelne Teilnehmer*in hat mit in der Hand, in welche Richtung sich das gemeinsame Projekt entwickelt.

Darkness, again

Am nächsten Tag, in einer anderen Gegend von Kopenhagen, betrete ich das Areal vom Teaterøen, der zwischen Werft- und Industrieanlagen gelegenen Spielstätte der Produktion „Wunderkammer (Tomrum)“ des von Sara Topsøe-Jensen im dänischen Viborg gegründeten Kollektivs Carte Blanche. Mit vier anderen Zuschauer*innen erhalte ich in einem kleinen abgedunkelten und blau ausgeleuchteten Vorraum neben einer Einführung („You will experience something between exhibition and performance“) vor allem die Gelegenheit, mich nicht nur meiner Schuhe, sondern auch lästigen Gedankenballasts für die Dauer der Aufführung in vorbereiteten Holzschachteln zu entledigen. Einzig ausgestattet mit einer kleinen Taschenlampe, die um meinem Hals baumelt, betrete ich die Performanceinstallation. Und da ist sie wieder: die Dunkelheit. Ich sehe, dass ich nichts sehe. Dafür nehme ich mit Übertritt der Schwelle einen süßlich-schweren Duft wahr, der die Luft durchtränkt. Rechts von mir, ums Eck, flackert ein Kerzenlicht auf. Ich folge dem engen Flur mit Zick-Zick-Architektur bis ich einen großen Raum betrete, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Es ist sehr düster. Ich meine, mehrere kleine Holztische zu erkennen, die sich dank winzig-warmer Lichtquellen von der Dunkelheit abheben. Einzelne Performer*innen halten sich in Tischnähe auf, in beigefarbenen Blusen mit altmodischen Schnitten und Stickmustern wirken auch sie der Zeit entrückt. Ein junger Mann kommt auf mich zu, reicht mir die Hand und führt mich auf die andere Seite des Raumes, in eine Sitzecke mit Audiostation. Etwa fünfzehn weitere gibt es hier zu erlauschen. Hefte mit englischer Übersetzung liegen bereit. Es sind poetische Miniaturen, die dazu anregen, sich mit dem Verhältnis von Welt und Individuum, Raum und Zeit, Materie und Kosmos zu beschäftigen und sich mal wieder gewahr zu werden, dass wir alle, Menschen, Tiere und Pflanzen, aufs Engste miteinander verflochten sind.

Room of small wonders

In kleinen Szenen und One-on-Ones regt „Wunderkammer“ dazu an, sich in ein anderes Verhältnis zur Erde, zum Menschsein, zum relationalen Modus des In-der-Welt-Seins zu setzen. Dass das Ganze nicht ins Esoterische kippt, liegt an der liebevollen Ernsthaftig- und Genauigkeit, mit der die Performer*innen die Begegnungen suchen: Eine stumm bleibende Performerin stellt mir eine Tasse Tee auf die Handflächen und beginnt mittels der winzigen Lichtquelle einen alten Schriftzug auf die Oberfläche des Teewassers zu projizieren, der besagt, dass Menschen Licht nicht sehen könnten, sondern lediglich das, was auf das Licht treffe. Eine andere Performerin stellt sich mit mir und vier weiteren Besucher*innen in einen Kreis, fasst unsere Handunterflächen zusammen und bildet aus ihnen eine großflächige Landschaft, die sie mit ihrer Vorstellungskraft bestellt und über eine Anekdote ihrer Großmutter zum Modell ewiger Wiederkehr erklärt: wir kommen aus Allem und kehren nach dem Tod in dieses Alles zurück. In weiteren One-on-Ones lauschen wir mit einem Stethoskop gegenseitig den Klängen unseres Körpers, bilden Figuren aus Sand oder spielen miteinander ein Wortspiel zur Zukunft. Auch wenn man spätestens in den One-on-Ones spürt, dass Carte Blanche mit ihrer immersiven, poetischen Raum-, Hör- und Begegnungskunst nach Vorbild des Teatro de los Sentidos vom kolumbianischen Theaterkünstler Enrique Vargas primär Kinder und junge Menschen adressieren, können aus der Zeit gefallene Spür-Räume wie diese in Zeiten zunehmender Anonymisierung durch die Digitalisierung, wachsender sozialer Ungleichheiten und der grassierenden Klimakrise für Menschen aller Altersstufen wohltuend sein, um auf sinnlich-inspirierte Weise an- und innezuhalten.

Beide Produktionen nutzen den analogen Theaterraum, um im Hier und Jetzt zwischenmenschlicher wie auch intensiver Mensch-Material-Begegnungen all jene Sinne zu stimulieren und zu provozieren, die im Alltag zwar immer unser In-der-Welt-Sein prägen, aber einem vielleicht nur sehr selten in einem solchen Ausmaß in ihrem Zusammenwirken mit Erinnerungen, verkörpertem Wissen und Emotionen zu Bewusstsein geführt werden.

 

Literatur:

Alston, Adam (2013): „Audience Participation and Neoliberal Value: Risk, agency and responsibility in immersive theatre“ , in: Performance Research, 18(2), p. 128-138.

Rancière, Jacques (2008): Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien. Herausgegeben und übersetzt von Maria Muhle. Berlin.

Sisters Academy: Education for the Future. I DO ART books.