(Deutsch) A Lesson in Sharing

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„Earthport“, ein „human specific“ Performanceprojekt, hatte bereits vor über einem Jahr in den Räumen der Vierten Welt in Berlin-Kreuzberg Premiere. Es handelt sich um ein künstlerisches Kollaborationsprojekt zwischen der ägyptischen Lamusica Independent Theatre Group und dem Berliner Theaterkollektiv meet MIMOSA, gefördert von der internationalen Kooperation für Darstellende Künste Szenenwechsel der Robert Bosch Stiftung. Nach Aufführungen im Mai 2016 in Berlin und Kairo war „Earthport“ nun vom 23.-26. September nochmals in Berlin zu erleben, ermöglicht durch die Wiederaufnahmeförderung des Senats.

Szenenbild “Earthport”, Foto von Can Rastovic

Ohne Worte, nur mit einem Fingerzeig fordert mich die Performerin und Theatermacherin Nora Amin am Ende unseres etwa 12-minütigen One-on-One auf, den „Security Check“ auszufüllen. Auf einem weißen Din-A4-Bogen an der Wand soll ich ankreuzen, welchen Eindruck sie auf mich machte: „mentally disordered“, „dangerous“, „illegal“, „arab“, „trustworthy“? Natürlich kommt hier nur eine Zuschreibung in Frage. Aber warum überhaupt eine?

Shared on Facebook

Abgesehen davon, dass die Theaterwissenschaftlerin Christel Weiler „Earthport“ unter dem Titel „Kunst der Begegnung“ (Weiler/Roselt, S. 327-347) eine exemplarische Analyse in ihrer gemeinsam mit Jens Roselt verfassten Einführung in die Aufführungsanalyse widmet und der Arbeit damit (zumindest unter Theaterwissenschaftler*innen) die wohlverdiente Aufmerksamkeit zukommen lässt, verdanke ich – kurz gesagt – Facebook meinen Aufführungsbesuch. Denn wäre der Veranstaltungshinweis nicht im sozialen Netzwerk geteilt worden, hätte ich nicht eine der sechs(!) Karten für die Vorstellung am 25.09.17 ergattern können. Diese scheinbare Trivialität hebe ich deshalb hervor, weil es immer häufiger vorkommt, dass freie Kunst- und Theaterprojekte – vor allem im Bereich immersive theater – ihre Publika ausschließlich auf diesem Wege adressieren und konstituieren. Und weil sie damit – sicherlich auch z.T. entgegen hehrer Ansprüche – eigentlich doch immer wieder nur ein und dieselbe Klientel erreichen. Im Falle von „Earthport“ versammeln sich am 25.09.17 um 19 Uhr (mit mir) drei Theaterwissenschaftler*innen, eine junge Frau, die zur Gruppe gehört, sowie zwei Bekannte der Performer*innen vor dem verschlossenen Tor auf der Galerie oberhalb des Berliner ‚Kotti’.

Shared Space

Zu sechst betreten wir die Räume der Begegnungs- und Veranstaltungsstätte Vierte Welt. Der im Rollstuhl sitzende Performer Adham El-Said begrüßt uns herzlich, bittet uns, unsere Jacken und Taschen in die dafür vorbereiteten Boxen zu verstauen und legt dann jedem nacheinander eine schwarze Perlenkette um den Hals, an dessen Ende eine nummerierte Karte hängt, auf der unser persönlicher Pfad durch die Räume des „Earthport“ in Form kleiner Piktogramme aufgezeichnet ist. Ich reise als Nummer sechs, ohne Gepäck. Nach jeder „Connection“, so gibt er uns mit auf den Weg, möchten wir uns bei ihm zusammenfinden, im Bereich des „Transit“, der im Herzen der räumlichen Anordnung gelegen ist. Nur Packpapier trennt die sechs kreisförmig angeordneten Raumeinheiten voneinander, fast alle teilen sich eine Wand miteinander. Stimmen und Klänge passieren ungehindert, sodass man als Besucher*in immer auch auditiv wahrnehmen kann, was im Nachbarraum geschieht. Damit souffliert das Arrangement bereits eines der Kernthemen von „Earthport“: Hier ist jede*r mit jede*m verbunden.

Sharing tea, not sharing anxieties

Die Pforte zu meinem ersten Begegnungsraum ziert die Zeichnung einer Teetasse. Ich nehme auf einem Sessel Platz und ein junger Mann, der mir gegenüber sitzt, schenkt mir Tee ein. Die Tasse im blauweißen Strohblumenmuster, auch als „Blauer Sachse“ bekannt, ist mir von meinen Großeltern vertraut. Das VEB Porzellankombinat Kahla ließ Porzellan wie dieses mit „exotisch“ anmutendem Dekor aus dem „fernen Osten“ seinerzeit für Haushalte in der DDR fertigen. Aus dem fernen Osten stamme auch die buddhistische Lehre, Angst miteinander zu teilen. Man solle sich vorstellen, so führt der junge Mann (André Vollrath) aus, gemeinsam mit der Angst am Tisch zu sitzen, zum Beispiel bei einer Tasse Tee. Es wird rasch spürbar, dass er (s)eine Angst in diesem One-on-One mit mir teilen möchte. Dazu stellt er sich vor einen Spiegel und erzählt von der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 und von der Angst, die ihm als Achtjähriger durch seine Eltern und die Nachrichten, durch die „Welt der Erwachsenen“ vermittelt wurde. Da wir ungefähr im gleichen Alter sind, teile ich seine Erfahrung; auch mir sind diese Ängste bekannt, nur teile ich sie nicht, leide nicht unter ihnen – zumindest bislang nicht. Und so steht die bedenkenswerte Frage im Raum, ob und inwieweit wir im Verlauf unserer Sozialisierung nicht nur Werte, sondern auch Ängste von unseren Eltern oder unserem Umfeld übernehmen? Und ob man sich von einigen dieser Emotionen aus zweiter Hand nicht lieber befreien möchte?

Experiences we do not share

Auch in den nächsten beiden Räumen geht es ums (Mit)Teilen. Ein großer, vollbärtiger Mann steht hinter einem blauen Garderobenständer, presst sein Gesicht durch die enge bügelbreite Öffnung und sucht tiefen, langanhaltenden Augenkontakt. Dann schreibt er mit einem roten Stift das Wort „brutal“ auf die um den Ständer gewickelte Klarsichtfolie. Er fragt mich in der common-ground-Sprache Englisch, ob ich brutale Situationen kenne. Scheinbar unausweichlich denke ich, dass er vermutlich ein härteres, schlimmeres Schicksal in seinem bisherigen Leben erfahren haben wird als ich. War er auf der Flucht? Seit wann ist er wohl in Deutschland? Sofort schreibe ich ihm ein persönliches Flüchtlingsschicksal zu. Und tatsächlich berichtet er auch von einer Flucht. Die Anekdote spielt in einem Wald. Er erinnert einen weißen Mann, der ihn anschaut. Er wird gestoppt. Ohne weitere Worte fährt er einen kleinen Spielzeugbus mehrmals gegen den Ständer, der nun die unpassierbare Grenze symbolisiert. Eine Geschichte des Ausschlusses, die ihm, Adel Abdel Wahab, passiert sein kann; er lässt es, auch auf Nachfrage, offen. Es geht in „Earthport“ auch um Einzelschicksale, ja, aber im Gegensatz zu vielen anderen Produktionen im Stadttheater, die gegenwärtig versuchen, sich mit der Flüchtlingskrise auseinanderzusetzen, werden diese weder als Authentifizierungsstrategie für die Darstellung noch im Stil eines Betroffenheitstheaters instrumentalisiert.

Sharing a wish and a moment

Maha, eine junge Frau Anfang 20, der ich im nächsten Raum begegne, lädt mich ein, ihren Geburtstag mit ihr zu feiern. Voller Zuversicht möchte sie ihre „Bürde“ – symbolisiert durch ein weißes Tuch, das sie wie ein Baby in ihrem Arm hält – ablegen und neu beginnen. Sie erzählt von ihrem Vater, der starb, als sie noch sehr klein war, und den sie in Ägypten nicht bestatten durften. Sie fragt mich, ob ich irgendetwas in meinem Land nicht tun dürfe, das mir eigentlich wichtig sei. Anstelle einer adäquaten Analogie fällt mir nur mein Privilegiertsein ein. Vor einem Mini-Muffin mit brennender Kerze soll ich mir einen Wunsch überlegen. Gemeinsam pusten wir zu dessen Bekräftigung die Kerze aus. Dann lacht sie mich freundlich an und sagt, sie habe sich etwas für mich gewünscht: Dass ich ein glückliches Leben habe und kraftvoll alles (aus)leben könne, was ich mir wünsche. Unumgänglich rumort die Frage in mir, warum ich mir nicht auch lieber etwas für sie anstatt für mich selbst gewünscht habe.

Ähnlich funktionieren auch die Begegnungen in den nächsten beiden Räumen: Die Performerin Pasquale Virgine Rotter erzählt entlang eines Fotoalbums vom Schicksal ihrer Großmutter, die von den Nazis umgebracht wurde, als sie zu einer Routine-Untersuchung ins Krankenhaus ging. „Sie sei ohnehin schon so alt gewesen“, wurde der Familie geantwortet. Hier geht es um Schmerz und um die Frage, wo er sich im Körper manifestiert und ob man ihn teilen kann; auch, ob man den Überlebenswillen wohl teilen könne. Am Ende wird sie pantomimisch auf meinen Schmerz eingehen, nicht auf den eigenen. Nina Amin begegne ich in einem engen Raum unter einem Mosquitonetz. Sie bewegt sich sanft, spricht kaum; hier kommt es eher zu einer Begegnung der Körper: Sie nimmt meine Hände in ihre, schaut mir tief in die Augen, tanzt mit mir. Vertrauen und Offenheit bringen wir einander entgegen in diesem intimen Moment. Dann gibt sie mir einen Rat mit: Ich solle nicht nach meiner Liebe suchen, sondern nach den Gründen, die mich abhalten, sie zu leben.

Construct the other (not) as fearsome

Ein Raum allerdings weicht ab und ist doch integraler Bestandteil des „Earthport“, der uns alle auch im übertragenen Sinne verbindet. Der Ko-Regisseurin Eva Isolde Balzer begegne ich in einem Raum voller zerknüllter Zeitungsartikel. Dort setzt sie mich im doppelten Sinne einem Sturm der Ressentiments aus: jenen, die sie lauthals skandiert („Here is no space for them! Deport them, they’re dangerous.“) und all den in den Zeitungen materialisierten und auf dem Boden separat aufgeklebten. So schafft sich – ganz im Sinne Sara Ahmeds – ein Kollektiv seine ‚anderen’ Körper, als Projektionsflächen für Angst, Wut oder Schuld. Es sind nicht zuletzt diese zirkulierenden Diskurse, die dafür sorgen, dass Othering-Prozesse normalisiert werden, Zuschreibungen beständig wiederholt und verfestigt werden. „Earthport“ führt vor, wie diese Mechanismen wirken und spiegelt aufgeschlossenen Zuschauer*innen unaufdringlich, aber bedingungslos das eigene Verhalten, Denken und Empfinden; zeigt, dass latente Zuschreibungsprozesse stets wirken, auch wenn man sich für noch so aufgeklärt, tolerant und liberal hält. Die Erfahrung einer geteilten Zeit, eines vorbehalt- und bedingungslosen, offenen Mit- und Beieinanderseins ist, was das Projekt für mich erinnernswert macht. Abschließend finde ich mich noch einmal in der Transit-Runde am Tisch von Adham El-Said mit allen anderen zusammen. Auf diesem „Earthport“ herrscht bedingungslose Gastfreundschaft. No „security check“ needed.

 

 

Literaturhinweise:

Ahmed, S. (2004): „Affective Economies“, in: Social Text, 79 (Volume 22, Number 2), Summer  2004, pp. 117-139.

Weiler, C./Roselt, J. (2017): Aufführungsanalyse. Eine Einführung. Tübingen: Francke.