Berlin Breitscheidplatz

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Quelle: imago

Von Birgitt Röttger-Rössler und Katharina Metz

Der Eintrag vom 13. November 2016 auf unserem Blog erinnert an die islamistischen Anschläge in Paris vom 13. November 2015 und zeigt ein Bild des in den französischen Nationalfarben angestrahlten Brandenburger Tors, vor dem sich viele Menschen versammelt haben, um ihrem Entsetzen, ihrer Trauer, ihrer Angst und ihrem Mitgefühl mit den französischen Nachbarn Ausdruck zu verleihen sowie aber auch um all diese Empfindungen miteinander zu teilen.

Vor zwei Tagen, am 20.12. 2016 erstrahlte das Brandenburger Tor in den Farben Deutschlands und Berlins in Reaktion auf das schreckliche Ereignis am Vorabend auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche: ein Lastwagen fährt willkürlich in die Menge. 12 Menschen werden getötet, 46 zum Teil schwerverletzt, einige schweben nach wie vor in Lebensgefahr. Die Tat zeigt deutliche Parallelen zu dem Attentat in Nizza am 14. Juli 2016 und ruft sofort entsprechende Bilder wach: Jetzt ist der Terror auch bei uns!

Polizei und Politik reagieren umsichtig und vermeiden, das Geschehen ungeprüft und voreilig als terroristischen Anschlag einzustufen – und damit auch das Schüren von Panik. Die Vorgänge sind anfangs völlig undurchsichtig und beginnen sich erst allmählich zu klären. Der zunächst gefasste vermutliche Täter erwies sich als irrtümlich verdächtigt und wurde freigelassen; mittlerweile konzentrieren sich neue Verdachtsmomente auf einen mutmaßlichen Tunesier, der nun europaweit gesucht wird. Auch hat sich inzwischen der IS über sein Sprachrohr Amaq zu der Tat bekannt.

Die Parallelen zum Attentat in Nizza scheinen sich hiermit zu verdichten. Aber es gibt noch keine endgültige Klarheit, das Geschehen lässt sich noch nicht einordnen. Viele hoffen, dass sich die Möglichkeit eines Terroraktes nicht bewahrheiten wird: „Ich hoffe sehr, es kommt raus, dass es ein durchgedrehter Typ war, ein Kranker, ein Amokfahrer, aber kein islamistischer Terrorist“, formulierte ein junger Mann, der am Dienstagnachmittag zusammen mit seiner Freundin Blumen am Breitscheidplatz ablegte. Seine Ansicht wurde von vielen der Umstehenden geteilt. Ein psychisch kranker Einzeltäter erschien vielen als das weniger bedrohliche Szenario, als besser einordbar – auch emotional.

Bei vielen Gesprächen, die wir in den ersten beiden Tagen mit den unterschiedlichsten Menschen auf der Straße, in Geschäften und Lokalen sowie im Bekanntenkreis geführt haben, erhielten wir den Eindruck, dass viele sich in so einer Art emotionalem „stand by“- Modus befanden. ‚Man weiß gar nicht, was man fühlen soll’, lautete eine häufige Formulierung. Mitgefühl mit den Angehörigen der Opfer und Entsetzen über das Geschehen als solches wurden von jedem artikuliert, aber die eigene persönliche emotionale Verortung gegenüber diesem dramatischen Vorfall schien einer klaren Einordnung desselben zu bedürfen: War es ein Terrorakt oder nicht? Aus diesem Zögern spricht Besonnenheit, d.h. die Weigerung die Vorkommnisse impulsiv zu bewerten und ohne Kenntnisse der Fakten zu den Ereignissen emotional Stellung zu nehmen in Form etwa von Angst, Panik, Wut. Diese besonnene Haltung vieler Menschen ist ermutigend in Zeiten, die vielfach als „postfaktisch“ etikettiert werden.

Aber was wird passieren, wenn sich bestätigt, dass es sich um einen islamistischen Terrorakt handelte, worauf mittlerweile ja immer mehr hindeutet? Inzwischen haben sich viele Bürgerinnen und Bürger unseres Landes mit dieser Frage auseinandergesetzt und begonnen, Haltung zu beziehen: sie verweigern sich der Angst und gehen auf die Straße, führen Schilder mit der Aufschrift „Ich bin Berliner/ Berlinerin“ mit sich und setzen mit dieser doppelten Bezugnahme einerseits auf ‚Je suis Charlie’, andererseits aber auch auf John F. Kennedys historisches Zitat ein Zeichen für einen solidarischen, bewussten und besonnen Umgang, der dieser Stadt angesichts unterschiedlicher Bedrohungen in ihrer Geschichte zu eigen war und ist. Sie bieten damit populistischen Vereinnahmungen des vermeintlichen Attentats Paroli, ebenso wie diejenigen Berlinerinnen und Berliner, die sich – wie Spiegel online titelte- „maximal unbeeindruckt“ zeigen und sich dadurch Formen der Panikmache ebenso effektiv verweigern. Beide Haltungen ermutigen.

Aber was auch immer die Ermittlungen in den nächsten Tagen erbringen, was auch immer wirklich geschehen ist: für die Angehörigen der Opfer ist es dunkel geworden. Ihnen gilt unser ganzes Mitgefühl.

Quelle: Tagesspiegel